Charles Bronson in "Spiel mir das Lied vom Tod"
Charles Bronson in "Spiel mir das Lied vom Tod"
"Die unglaubliche Magie der Fotografie"
Interview-Auszüge aus dem Kinomagazin "Tonino Delli Colli & Sergio Leone"


"Ein unerbittlicher Perfektionist"
© C. Maaz
Carla Leone
Carla Leone (Frau von Sergio Leone)
Tonino hat ein natürliches Talent und ein Gespür für das Bild, aber es steckt noch mehr dahinter: eine Tiefe und eine Sensibilität, die Sergio sofort wahrgenommen hat. Wenn er eine solche Person in seiner Nähe hatte, nahm er alle Dinge so auf, wie sie sein sollten. Nichts entging ihm.

Tonino Delli Colli
Ich muss sagen, dass Sergio Leone ein großer Filmschaffender war. Er hatte das Kino im Blut. Schon sein Vater war Stummfilmregisseur. Er war ein unerbittlicher Perfektionist. Es wurde immer sehr spät mit Sergio, er fand nie ein Ende. Das führte natürlich zu Diskussionen.


© C. Maaz
Franco Di Giacomo
Franco Di Giacomo
(AIC-Präsident; ehem. Kameraassistent)

Das ist wohl wahr. Er wollte oft noch beim letzten Sonnenstrahl drehen, und Tonino sagte dann: „Nein, ich habe vorhin mit einem anderen Licht gedreht, jetzt scheint die Sonne nicht mehr.“ Dann drehte er sich um, ging und sagte noch: „Franco, mach du das fertig.“ So ging das fast jeden Abend. Und die Dreharbeiten bei Sergio Leone waren lang, 18, 20, 22 Wochen, aber das war an der Tagesordnung, selbst bei den Aufnahmen im Studio. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er nie aufgehört zu arbeiten. Aber Tonino und wir anderen wurden müde. Vielleicht war Sergio auch müde, aber er hatte schließlich andere Interessen.

Carla Leone
Wenn es nach meinem Mann gegangen wäre, hätte er rund um die Uhr gedreht. Tonino meinte immer: „So nicht. Die Anschlüsse stimmen nicht. Siehst du nicht, dass es so nicht geht?“ und ging weg. Oft holte ich ihn zurück und besänftigte ihn. Er kehrte brummend an seine Arbeit zurück. Sie schlossen sogar Wetten über das Gelingen der Szenen ab. Sie waren wie Kinder.

Tonino Delli Colli
Sergio benutzte alle möglichen Objektive, Weitwinkel, Zoom, Tele. Er begann mit der Totalen und endete bei den Augen. Er hatte immer viel Material. Der Schnitt war schwierig. Aber trotz des vielen Materials erinnerte er sich an jede Kleinigkeit, die er gedreht hatte und die er gern an eine bestimmte Stelle gesetzt hätte. Das dann noch zu finden hat eine Ewigkeit gedauert. Er erinnerte sich an alles! Wir drehten zwischen 250.000 und 300.000 Meter. Seine Filme dauerten ja auch lange.




"Lange, zerfetzte, schmutzige Kleider - die Amerikaner haben es nachgemacht"
Carla Leone
Er liebte einfach alles, Material aussuchen usw. Für seine Filme tat er Dinge, über die man sich selbst in Amerika wunderte. Für „Zwei glorreiche Halunken“ hat er in einem Lager nach Uniformen gesucht, das sonst nie jemand betrat. Dort gab es Originalkostüme aus der Zeit. Die Leute sahen ihn an, als ob er verrückt sei, und fragten sich, was er wohl mit diesen alten Lumpen vorhatte. Aber den Unterschied sieht man am Ende, statt einem schicken Kostümchen … Diese Dinge waren Teil seines Instinkts, seines Drangs, die Dinge so zu gestalten, wie er sie sah und empfand.

Franco Di Giacomo
Wir waren amerikanische Western gewohnt. Immer diese Typen mit Halstüchern, elegant und selbst nach unendlich langen Ritten perfekt geschminkt, wenn sie vom Pferd abstiegen. Sergio Leone war diesbezüglich ein Revolutionär: lange, zerfetzte, schmutzige Kleider. Und die Amerikaner haben es nachgemacht. Sie nannten die Filme Spaghetti- Western. Von wegen! Es waren hochwertige Filme, zumindest die von Sergio Leone.

Tonino Delli Colli
Die Kostüme sind künstlich auf alt gemacht worden. So wirken sie echter als tatsächlich benutzte Kleidung, und bei Gegenlicht erkennt man weniger Details. Fast alle Szenen sind so gedreht worden.

Franco Di Giacomo
Er stellte sich die Erzählung immer mit einer bewegten Kamera vor. Ich glaube, wir hatten einen Dolly, einen Kran, der sich von unten nach oben bewegte. Manchmal folgte noch eine Abwärtsbewegung. Immer sehr harmonisch. Niemals zu schnell. Sergio liebte japanische Filme, also Filme mit langen Einstellungen. Dies war Sergios Art zu erzählen, und Tonino und ich haben das technisch umgesetzt. Sergio machte zwar die Proben, bediente die Kamera und den Dolly und setzte die Markierungen. Aber die habe ich dann geändert, denn letztlich muss derjenige den Ablauf festlegen, der später auch die Kamera bedient. Manchmal ärgerte er sich, aber was soll’s, er ärgerte sich immer. Das war Sergios Art zu erzählen: Kameras, die stets in Bewegung sind, großartige Einstellungen, lange Bearbeitungszeiten, unendliche Stunden. Am Abend waren die Schauspieler völlig am Ende, aber zufrieden.



Alberto Grimaldi
Alberto Grimaldi (Produzent)
Es war eine geniale Idee von Sergio Leone und Ennio Morricone, die Filmmusik vor dem Dreh zu komponieren und sich dabei auf das Drehbuch zu stützen. Wenn Sergio Leone eine Szene drehte, hörte er im Hintergrund die Musik von Ennio Morricone. So ergab sich ein besseres Zusammenspiel und mehr Tiefe, denn die Musik sollte zum Erfolg des Films beitragen.

Tonino Delli Colli
In bestimmten Momenten spielte er gerne diese Art von Musik ein. Manchmal störte sie auch, weil sie auch dann lief, wenn ich eine Szene vorbereitete. Ich sagte ihm: „Mach sie aus. denn ich muss mit den Leuten reden.“ Aber fast immer stellte er zu Beginn eine Platte zusammen, die er während der Arbeit auflegte, und damit eine Stimmung schuf.

Carla Leone
Tonino ist ein wunderbarer Mensch. Er ist ein unbezahlbarer Künstler. Er hat ein unglaubliches Gespür für künstlerische Dinge, für Farben. Wenn man seine Fotografie sieht, gibt es diese unglaubliche Magie. Und dann triffst du auf diesen kleinen Brummbär, der im Kontrast zu dieser wundervollen Kunst steht. Aber er ist eine treue Seele. Er ist Skorpion wie ich.

Franco Di Giacomo
Tonino ist und war ein kleiner Gauner. Er liebt die Frauen sehr. Das sieht man an den Frauen, die er fotografiert hat: die Liebe zum anderen Geschlecht, seine große Sorgfalt mit dem Gesicht, seine Sorgfalt bei den Augen. Die Augen sind ihm am wichtigsten, die möchte er immer sehen. Er ist nicht einverstanden mit einem bestimmten Typ von Fotografie, der zur Zeit modern ist. Er sagt: Ich bin nicht einverstanden damit, denn ich kann die Augen der Schauspieler nie sehen.






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VideoTonino Delli Colli über die Arbeit mit gut bezahlten Schauspielern
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