Lars von Trier (Quelle: dpa)
Lars von Trier im Interview
Auszug aus dem Kinomagazin
Mein Co-Autor Nils Vørsel und ich, wir haben eine Schwäche für Kafka. Wir mögen besonders sein Buch "Amerika“. Dieses Buch war für unseren Film "Europa“ eine Art Inspiration. Wir erzählen die Geschichte anders herum. Kafkas "Amerika“ handelt von einem Europäer, der nach Amerika geht, und unser Film handelt von einem Amerikaner, der nach Europa kommt: zu dem Ort, wo seine Eltern gelebt haben. Es gibt einige Parallelen zwischen der Kafka-Story und unserer Geschichte. Bei uns gibt es zum Beispiel auch einen Onkel.
Für mich als Dänen sind Deutschland und Europa eng miteinander verbunden. Wenn man von Dänemark aus nach Europa will, muss man durch Deutschland hindurch. Alles Bedrohliche an Europa ist für mich in Deutschland zusammengefasst. Es ist eine historische Tatsache, dass Dänemark und Deutschland sehr oft Krieg miteinander geführt haben und Dänemark jedes Mal böse geschlagen wurde. Der Blick nach Süden ist für uns mit Angst verbunden. Vieles an Deutschland ist interessant: die Industrie auf der einen Seite und dann die Kultur, die Literatur, die Filme. Es gibt so viele Mächte, die in verschiedene Richtungen gehen und aufeinanderprallen. Ich kenne Deutschland allerdings gar nicht so gut. Eigentlich bin ich meistens nur hindurchgefahren. Aber Deutschland ist faszinierend.

Die drei Filme, die wir als Trilogie sehen, haben mehr oder weniger die gleiche Geschichte. Ein Idealist begibt sich in eine gefährliche Umgebung und ist am Ende auch korrupt. Das ist die Geschichte der drei Filme.

Bilder sind für mich sehr wichtig. Als ich anfing, Filme zu machen, hatte ich eine Vorstellung, wie meine Filme aussehen sollten, ohne dass ich sie hätte beschreiben können. Deshalb habe ich angefangen, Filme zu machen. Aber ich weiß immer noch nicht, wie sie sein sollen.

Ich hatte das Gefühl, dass es ein Farbfilm ist, den ich eines Tages machen wollte, aber ich wusste nicht wie. Deshalb habe ich mich mit verschiedenen Techniken beschäftigt, um etwas über die Natur von Filmen, von Farbfilmen herauszufinden. Die Farbfilme, die man normalerweise sieht, mag ich überhaupt nicht. Man macht es sich auch zu leicht, wenn man meint, man brauche nur einen Farbfilm in die Kamera einzulegen und dann könne man schon einen Kinofilm in Farbe machen. Deshalb habe ich mit verschiedenen Techniken herumexperimentiert, um die Natur des Farbfilms zu erforschen und herauszufinden, was möglich ist. Irgendwann kann ich dann den Film machen, von dem ich immer geträumt habe. Jetzt noch nicht.





Szene aus "Epidemic"
Die Idee des Films „Epidemic“ ist, dass die junge Frau das Filmskript gelesen hat, in Trance versetzt wird und von dem Film erzählen soll. Die Technik war, eine Person zu nehmen, die ein gutes Medium ist und leicht in Trance fällt, und sie einen Text über die Pest in London lesen zu lassen. Den hat sie auch zu Hause gelesen, und danach wurde sie über den Text befragt, aber unter Hypnose, so dass sie in die Gefühlsstrukturen des Textes eindringen konnte.

Das war meine Idee von dem Film. Wir fingen an zu drehen. Der Hypnotiseur hat die junge Frau in Trance versetzt, was eineinhalb Minuten dauerte. Ich habe Nils Vørsel angeguckt und gesagt: Das glauben wir ja wohl nicht, die beiden haben sich abgesprochen. Aber zwei Minuten später fing sie dermaßen an zu weinen, dass ihr Kleid von den Tränen völlig durchnässt war. Ich habe mit vielen guten Schauspielern gearbeitet, die weinen können, wenn man sie darum bittet, aber sie brauchen eine lange Zeit, um das Gefühl aufzubauen. Aber so etwas hatte ich noch nie gesehen. Es war, als würde man einen Wasserhahn aufdrehen, so flossen die Tränen aus ihr heraus. Das hat richtig Angst gemacht. Und ich habe es gefilmt. Das Interessante war, fiction und non-fiction zusammenzubringen. Denn als die Frau hypnotisiert und in Trance gefilmt wurde, da war das fast die Dokumentation einer Hypnose. Fiction und non-fiction zusammen, das ist auch das Thema des ganzen Films.

Ich würde sagen, im ersten Film „The Element of Crime“ war die Hypnose Bestandteil der Geschichte, in dem Sinne, dass die Story von jemandem erzählt wird, der sich in Trance befindet. Im zweiten Film „Epidemic“ haben wir dann tatsächlich Hypnose bei einer Darstellerin angewandt. Das war also ein anderer Umgang mit Hypnose. Und im dritten Teil „Europa“ ist die Hypnose sozusagen ein Service fürs Publikum. Sie soll helfen, das Publikum in die Atmosphäre des Films hineinzuziehen. Diese letzte Verwendung von Hypnose kann ich für jeden Film empfehlen. Wir nennen das Hypnovision – einen Film mit einer Induktion zu beginnen, um das Publikum in den Film hineinzuziehen.




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24.02.2005 / Rachel Schröder/wdr