Edgar G. Ulmer - Der Mann im Off
Interview-Auszüge aus dem Kinomagazin
Bild: Edgar G. Ulmer
Greg Mank (B-Movie-Experte)
B-Movies sind die rothaarigen Stiefkinder des Kinos. Sie erfordern viel Nachsicht und viel Aufmerksamkeit. Sie sind eine Kunstform in sich. Ihre Rauheit macht sie sehr persönlich. Der Charme eines B-Films liegt in seiner Menschlichkeit. Er gibt sich Mühe und versagt. Und sicher können sehr viele bei B-Movies mitfühlen. Sie können sich damit identifizieren. Es ist ihr eigenes Leben. Es zeigt Menschen, die gegen unüberwindbare Hindernisse kämpfen, gegen alle möglichen Probleme. Manchmal klappt es nicht so recht, aber sie geben nicht auf und versuchen es immer wieder.

Man sagt oft, dass die falschen Regisseure Oscars bekämen. Die B-Regisseure hätten sie verdient wegen der unglaublichen Herausforderungen. Und sie lieben ihren Film, wenn er endlich fertig ist. Das war bei Ulmer auch so. Denn alle seine Filme waren rothaarige Stiefkinder, die er großziehen musste. Er musste etwas schaffen und stellte sich den Herausforderungen. Er war dieser Wunderknabe der B-Filme. Und deshalb ist man sicher auch so fasziniert von seiner Arbeit. Wenn John Ford einen Film drehte, bekam er alles: Stars, Budgets, ein Drehbuch, alles. Edgar Ulmer musste aus einer Ratte ein Festmahl machen. Nicht mit 40 Millionen. Der Trick ist, mit 40.000 zu drehen, in 6 Tagen. Dieser Mann war ein Kontroll-Freak. Besessen. Das teutonische Wunderkind, der Ästhet aus den Alpen. Ulmer wollte gewollt werden, aber sobald er gewollt worden wäre, hätte er das "Gewolltwerden" satt gehabt.




Szene aus "The Black Cat"
Greg Mank
„The Black Cat“ hatte einen Drehplan von 15 Tagen, und das in einem großen Studio, bei Universal. Und 91.000 Dollar Budget. Für ein Studio dieser Größe waren das nur Peanuts. „Frankenstein“ hatte dreimal so viel, und „Dracula“ viermal so viel. Sie gaben ihm einen Zylinder und sagten: Zieh ein Kaninchen raus und überrasch uns.

Edgar G. Ulmer
„The Black Cat“ war eine Idee, Lugosi und Karloff im selben Film zu beschäftigen, weil beide erfolgreich waren. Ich hatte freie Bahn, einen Horrorfilm zu schreiben, in dem Stil, den wir in Europa begonnen hatten mit „Caligari“.

Greg Mank
„The Black Cat“ sah ich zum ersten Mal mit meinen Babysittern, Zwillingen. Sie waren beide entsetzt und sagten nur: "Deine Eltern würden das sicher nicht erlauben. Ein grauenvoller Film." "Oh nein, sie hätten nichts dagegen", was natürlich nicht stimmte. Aber da sie nicht zu Hause waren, mussten sich's die Babysitter ansehen, schrecklich. Daran erinnere ich mich, wie diese Zwillinge auf dem Sofa sitzen und den Kopf vor Abscheu schütteln, während Karloff lebendig gehäutet wird. Von allen Filmen der 30er war es sicherlich derjenige, bei dem Zuschauer wahnsinnig wurden oder Kulten beitraten.

Edgar G. Ulmer
Ich war in Berlin mit Max Reinhardt, im Jahr 1919. Man hielt mich für ein ziemlich aufgewecktes Kind. Ich habe Filme in Europa gemacht, die Sets für „Caligari“ entworfen und für „Der Golem“, solche Filme. „Metropolis“ und „Die Nibelungen“ mit Fritz Lang. Ich habe später auch an „M“ mit ihm gearbeitet. Und ich arbeitete mit Murnau, ich war eigentlich der "Bildregisseur". Damals gab es zwei Regisseure für jeden Film: den Regisseur für die dramatische Handlung und dann den Regisseur für das Bild selbst, der die Kameraeinstellungen festlegte und die Kamerabewegungen. Die Idee, die Kamera zu bewegen, kam mir unmittelbar vor „Der letzte Mann“. Es sollte eine einzige Einstellung sein. Murnau sagte zu uns: "Gibt's denn dafür keine Lösung?" Wir spazierten gerade den Kurfürstendamm hinunter, um essen zu gehen. Eine Frau mit Zwillingen in einem Kinderwagen ging neben uns, da blieb ich stehen und sagte: "Stellen wir die Kamera auf einen Wagen!" Dann experimentierten wir herum und bauten den ersten Dolly. „Menschen am Sonntag“ habe ich organisiert, co-inszeniert und produziert. Robert Siodmak war der andere Regisseur, Freddie Zinnemann war der Kameraassistent, Eugen Schüfftan war der Kameramann; das erste Mal, dass er je Kamera führte. Und Billy Wilder schrieb das Drehbuch auf Schmierpapier im "Romanischen Café", sein erstes Drehbuch. Ich kam dann mit Max Reinhardt 1923 mit "The Miracle" nach New York.









Arianné Ulmer Cipes
Arianné Ulmer Cipes (Tochter)
Ich weiß nicht, ob sein Leben einen roten Faden hat, ob man etwas daraus folgern kann. Um eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen, muss man einige Dinge erfinden und ganz sicher Illusionen erzeugen. Der rote Faden bei Mr. Ulmer ist wohl die Hingabe an seine Arbeit. Er wollte überall dabei sein, bei allem mitmachen, was gerade passierte. Er konnte sich nicht zügeln, er wollte alles zu jeder Zeit sein.

Noah Isenberg
Das Warten war bestimmt etwas, das einem in den verschiedensten Augenblicken in Ulmers Leben und Karriere auffällt: Warten auf den Durchbruch. Die Hoffnung auf einen Triumph, entweder mit einer seiner europäischen Produktionen der 50er und 60er Jahre, oder, noch lieber, die Hoffnung, diesen Durchbruch in Hollywood zu schaffen. In den 40ern und als er in Europa arbeitete, hoffte er immer noch, zurückzukommen und einen Vertrag zu kriegen. Diesen Deal. Den Deal gab es nie. Ulmer hat es definitiv nie in Hollywood geschafft. Seine Karriere war schon so wechselvoll, und er war schon abgestempelt als einer, der es billig macht. Ihm haftete ein Stigma an, und er konnte dieses Stigma nie mehr loswerden. Eine weitere Hypothese legt nahe, dass er unfähig war, vor den Hollywood-Bossen zu buckeln. Er zog es vor, seine Rebellion gegen Hollywood fortzuführen. Aber ich denke, auch diese Hypothese kann nicht aufrecht erhalten werden, denn wenn man seine Briefe aus den 50ern liest, wird klar, dass er zurück wollte, in diese Hollywood-Häckselmaschine.

Arianné Ulmer Cipes
In seinen letzten fünf Lebensjahren war er gelähmt und krank und hatte mehrere Schlaganfälle. Aber er wollte sogar vom Rollstuhl aus junge Leute auftreiben und noch eine Produktion organisieren. Er spürte, dass es vorbei war. Er würde nicht mehr zu den Studios gehen, und er wollte nicht wirklich zum Fernsehen. Außerdem wurde es immer schwieriger, unabhängige Produktionen zu finanzieren. Als Dad 1972 im Sterben lag, glaubte er wirklich, dass nichts überleben würde. All die Filme, die er gemacht hatte, ob es nun 60 oder 80 waren oder wer immer sie zählen mag. Er sagte: "Nichts wird bleiben. Alles, was ich in meinem Leben gemacht habe, wird verschwinden." Ich sagte: "Dad, das wird nicht passieren." Er sagte: "Es gibt kein Studio, das sich um diese Kopien kümmert, kein Archiv, das welche hat. Nichts hat eine Chance zu überleben." Aber ich habe es in siebenjähriger Arbeit geschafft, die verlorenen Materialien, die einfach überall verstreut lagen, wieder zusammenzubringen. Ich glaube, dass mein Vater jetzt endlich seinen Frieden hat.



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06.01.2005 / WDR