Peter Voß im Gespräch mit Wilm Herlyn
Wie objektiv sind Nachrichten, Herr Herlyn?
Dr. Wilm Herlyn   © dpa
Er ist der Torwächter für Informationen in Deutschland - Wilm Herlyn , Chefredakteur der größten deutschen Nachrichtenagentur dpa. Wichtiges von weniger Wichtigem zu trennen, das sei seine Arbeit. Wie wichtig und verantwortungsvoll sein Job ist, scheint dem Vollblutjournalisten bewusst zu sein. Viele Zeitungen, Radios und Fernsehsender bringen nur die Nachrichten, die von einer Agentur aufbereitet wurden.
Denn "nicht in der Agentur" heißt für einen Akteur im Informationsmarkt schnell "nicht existent". Deshalb setzen gesellschaftliche Akteure auf hochprofessionelle Öffentlichkeitsarbeit, um von den Agenturen besser wahrgenommen zu werden. In einer Rede auf dem Verband der Pressesprecher attestierte Herlyn den meisten Unternehmen, Verbänden und Parteien immer professionellere Pressearbeit zu machen. Doch nicht nur der Grad an Professionalität entscheidet, ob ein Akteur wahrgenommen wird. Ist der Nachrichtenwert hoch, schaffen es auch nichtprofessionelle Akteure in die Agenturen.

Vor allem zwischen der sogenannten "Ersten-" und "Dritten Welt" scheit die Chance, in die Nachrichten zu kommen, sehr unterschiedlich zu sein. Die Schuld für eine "unsymmetrische Kommunikation" sieht der dpa-Chef nicht bei den Agenturen. Man würde bei ihm im "Ticker" viel über Afrika lesen können, doch abgedruckt würde davon kaum etwas, weil die Zeitungen und vor allem die Leser das nicht wollten, so Herlyn im Jahr 2002 im 3sat-Kulturzeit-Chat.

Herlyn hat Recht. In den Medien ist es ein Gesetz: Aufmerksamkeit lässt sich durch Sensationen und Spektakuläres erzeugen, das wusste Möllemann und das machte sich Greenpeace zu Eigen. Doch Aufgabe der Medien ist es, ein wahrheitsgemäßes Abbild der Realität zu geben. Im 3sat-Kulturzeit-Chat berichtete er auch, wie schwer seine Arbeit sei: Eine wirklich neutrale Sprache gebe es nicht - es sei denn, sie würde zur Formel erstarren. Aber die deutsche Sprache sei so reich, dass Kundige mit ihr durchaus in die Nähe von Neutralität und Objektivität kommen könnten. Wie ist es möglich, unter diesen Voraussetzungen der Aufgabe der objektiven Information gerecht zu werden? Wie weit geht die Verantwortung der Medienmacher gegenüber den Empfängern? Welche Forderungen müssen Journalisten erfüllen? Welche Kriterien müssen angewandt werden, um Nachrichten als solche zu erkennen und objektiv zu vermitteln?

Der 1945 in Bielefeld geborene Wilm Herlyn studierte nach dem Abitur Philosophie, Geschichte, Politik- und Religionswissenschaften, er machte ein Volontariat bei der Tageszeitung "Die Welt" in Hamburg, arbeitete anschließend im Berliner Büro des Blattes, wurde Leiter der Deutschland-Redaktion und später Chef vom Dienst. 1986 wechselte er als geschäftsführender Direktor für Politik und Zeitgeschichte zur Zeitschrift „Bunte“ in München. Anschließend gehörte er der Chefredaktion der Rheinischen Post/Düsseldorf an. Seit 1991 ist Wilm Herlyn Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg. In einem schwierigen Umfeld profilierte er sich als ein guter Manager. Viele private Sender und manche Zeitung hatten die zweite oder die dritte Nachrichtenagentur, die sie abonnierten, gekündigt - oft hatte es die als teuer angesehene dpa getroffen. Daraufhin senkte die Agentur ihre Preise. Im Geschäftsjahr 2004 erwirtschaftete sie bei einem sinkenden Umsatz (9 Millionen Euro) einen Überschuss von rund 1,57 Millionen Euro. Dies gelang nur durch einen Abbau von 100 Planstellen. Trotzdem habe es bei den Diensten keinen spürbaren Qualitätsverlust gegeben, erklärte der Chefredakteur.

Kritiker halten Deutschlands größte Nachrichtenagentur auch eine komplizierte Struktur vor: Die Zentrale sitzt in Hamburg, der Bilderdienst in Frankfurt und die Politik in Berlin. Gerüchteweise war von einem Umzug an einen Standort zu hören. Herlyn nannte Umzugsgerüchte in einem "Welt am Sonntag" Interview "Quatsch". Der Standort sei für eine Agentur nicht so wichtig: "Wir könnten auch von der Zugspitze arbeiten." (WamS 10.04.2005).


Montag, 09.01.2006, 22.25 Uhr

Eine Hörfunkfassung wird am Freitag, 13. Januar 2006, um 22.03 in SWR2 ausgestrahlt.


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