Peter Voß im Gespräch mit Salomon Korn
Leitkultur, Streitkultur, Neidkultur?
Fachmann für deutsches Selbstbewusstsein: Salomon Korn  © dpa
Wann finden die Deutschen zu sich selbst? Heines Nacht-Vers: "Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht", war die vorherrschende Reaktion vor allem der politischen Linken, sobald man über "Nationalbewusstsein" oder "Leitkultur" nachdachte. Nach Auschwitz schien in der Bundesrepublik eine Identifikation nur über wirtschaftliche Leistung oder Fußball möglich zu sein. Doch die Leitkulturdebatte, ausgelöst durch Friedrich Merz am Anfang dieses dritten Jahrtausends, machte deutlich, dass sich Normalität im Umgang mit diesen Begriffen nicht herbeireden lässt - vielleicht auch gar nicht sinnvoll ist.
Die Debatte um "deutsches Selbstbewusstsein" steckte auch in Roman Herzogs Kampagne "Ruck durch Deutschland". In Plakataktionen zielte man auf die "Innovationsbreitschaft" und den Willen zum Fortschritt. Jedoch empfand das Publikum den Feldzug gegen den Stillstand als zu kopflastig. Durch Deutschland ging eben kein Ruck und Roman Herzog war auch nicht der "Vater der Innovation", wie die Linke höhnte. All diesen bisherigen Diskussionen und Aktionen fehlte die emotionale Komponente. Ist doch der Umgang mit dem Deutschsein ein Gefühl, eine Sache des Bauches und nicht eine "Leitkultur" die man besitzt oder auch nicht. Dies ist auch die Stoßrichtung einer neuen Kampagne "Du bist Deutschland", die (initiiert vom Gerhard Schröder) im September auf den Weg gebracht worden ist.

25 deutsche Medienunternehmen sollen die Botschaft verbreiten: "Jede und jeder trägt Verantwortung für unser Land, für unseren Standort und für unsere Gesellschaft". Dafür stellen Unternehmen kostenlos Werbefläche und Sendeminuten zur Verfügung (auch die ARD) und Promis von Beckenbauer bis Alice Schwarzer machten auch mit. Das Mediavolumen, das sind die hypothetischen Kosten, welche man für die Spots und Anzeigen auf dem freien Markt bezahlt hätte, beträgt mehr als 30 Millionen Euro. "Es geht darum, in Deutschland eine neue Aufbruchstimmung zu erzeugen", sagte Organisator Bernd Bauer, vormals Sprecher des Bertelsmann-Konzerns, gegenüber der "Süddeutschen Zeitung". Die Definition des Deutschseins durch Leistungen und Verantwortungsbewusstsein, wie wir sie schon einmal hatten, schwingt auch hier mit und ist gar nicht so unvernünftig. Auch im Hinblick auf die Fußballweltmeisterschaft eine gute Leitidee. Und Heines "Nachtgedanken" enden bekanntlich positiv: "Deutschland hat ewigen Bestand, es ist ein kerngesundes Land ... "

Leitkultur, Streitkultur, Neidkultur – wann finden die Deutschen zu sich selbst? darüber spricht SWR-Intendant Peter Voß mit dem Architekten, Autor und Vizepräsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Salomon Korn, in einer neuen Ausgabe der "Bühler Begegnung" am 7. November 2005 um 22.25 Uhr. In kritischen Situationen und vor dem Hintergrund ihrer wechselvollen und schwierigen Geschichte neigen die Deutschen dazu, an sich und ihrem Land zu zweifeln. Deshalb versucht auch jene überparteiliche Initiative das Selbstbewusstsein in Deutschland zu wecken und zu Eigeninitiative aufzurufen.

Die amtierende Bundesregierung wie auch die designierte Kanzlerin weisen oft und gern darauf hin, dass Deutschland die wirtschaftliche Talsohle durchschreiten und wieder nach oben kommen könne - jeder Einzelne müsse nur auf sich selbst vertrauen. Und der neue Bundestagspräsident Norbert Lammert mahnt eine neue Diskussion um die Leitkultur an. Wie sieht ein jüdischer Deutscher diese Entwicklung? Was muss, was kann getan werden, damit die Deutschen zu sich selbst finden?

"In medias res"
Unter dieser Überschrift merkte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" an: "Deutsch-jüdische Gespräche in der Öffentlichkeit sind nicht selten hochnotpeinlich. (...) Um so schöner, wenn man von einer Ausnahme berichten kann: Peter Voß (...) und Salomo Korn (...) trafen sich bei 3sat zur Bühler Begegnung. Zwei Intellektuelle, vernünftig, höflich und bestimmt zugleich miteinander redend, ohne Verbiegung und Verbeugung. (...)Was gäbe man dafür, wenn dieses Gespräch zum Modell werden könnte.

Montag, 7. November 2005, 22.25 Uhr

Wh. 9. November 2005, 13.15 Uhr

Eine Hörfunkfassung sendet SWR 2 am 11. November 2005, 22.00 Uhr.


"Wie normal ist Deutschland, Herr Korn?" Bühler Begegnungen vom 8. November 2004.

4.11.2005 - akt. 9.11.2005 / SWR/ SRR
zurück Seitenanfang Druckversion Artikel versenden 3sat [E-Mail]