Peter Voß fragt Marianne Birthler
"Stasi, Stasi und keine Ende?"
Marianne Birthler  © dpa
Die Zeit arbeitet gegen Marianne Birthler. Sie ist Chefin der Stasiunterlagen-Behörde und eine Art Verwalterin des SED-Unrechts. In ihrer Behörde können Bürger erfahren, ob sie von ihren Verwandten und Bekannten, so genannten Inoffiziellen Mitarbeitern (IM), ausspioniert wurden. Über 100.000 IMs gab es in der DDR und auch in der BRD arbeiteten bis zu 30.000 Bundesbürger für die Stasi. Doch Birthlers Behörde ist ein Auslaufmodell. Je länger das Ende der DDR zurückliegt, umso mehr sinkt das Interesse an den Stasiunterlagen. Erste Versuche ihren Behördenapparat zu beschneiden gab es schon.
Arbeit reicht für mindestens 200 Jahre
Der Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) will die Behörde mittelfristig auflösen, und auch andere Stimmen fordern in den nächsten Jahren die Stasi-Akten Behörde abzuwickeln, am besten zum Ende der Amtszeit von Birthler im Jahr 2011. Doch Sie möchte auf keinen Fall die letzte Chefin sein, die das Licht ausmacht und rechnet fest damit, dass es eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger geben wird. Arbeit gäbe es noch genug "180 Kilometer Akten (...) lagern in unseren Archiven. Allein um alle zerrissenen Dokumente in 16.000 Säcken wieder lesbar und nutzbar zu machen, brauchten wir 200 Jahre" führte Birthler in einem Interview im Jahr 2002 aus.

Auch die Mehrheit des Bundestages, der Birthler als "Sonderbehörde" alleinig untersteht, scheint nicht gewillt, die Aufarbeitung der Stasidiktatur schnell zu beenden oder dem Bundesarchiv zu übertragen. 2014 oder 2018 sind die Daten, welche nun diskutiert werden.

Anwendung der Schusswaffe auf Frauen und Kinder
Doch einige Schlagzeilen, welche die Birthlerbehörde in den vergangenen Jahren machte, waren keine schmückenden. Vor allem die Präsentation eines angeblich sensationellen Stasi-Dokuments im Jahr 2007 brachte Brithler in die Kritik. In dem Schriftstück hieß es: "Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe (...) auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen." Diese Order erging nicht an die normalen Grenztruppen, sondern an eine Spezialeinheit, welche die Grenzsoldaten bewachen sollte. An sich ein Schriftstück, das die mörderische Praxis an der innerdeutschen Grenze gut dokumentiert. Doch sensationell war es nicht - in und außerhalb der Behörde schon lange bekannt, wurde es sogar in BStU-Ausstellungen gezeigt. Die Zeitschrift "Der Spiegel" sah das Vorgehen der Behörde als "Wasser auf den Mühlen der Schießbefehlleugner".

Vor allem prominente Opfer und Täter brachten die Stasi-Unterlagen-Behörde und ihre Leiterin immer wieder in die Medien. 2008 waren es die Stasi-Unterlagen von Gregor Gysi, die in der Diskussion über die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit für viel Wirbel sorgten. 2004 gewann Helmut Kohl einen Prozess gegen die Behörde. Persönlichkeitsrecht oder öffentliches Interesse war die Streitfrage - seine Akten wurden nicht veröffentlicht. Marianne Birthler ist der festen Überzeugung, dass die Aufarbeitung weitergehen muss. Aufgrund der besonderen Nachfrage nach den Akten werde sich der Auftrag "in den nächsten zehn Jahren noch nicht erledigt haben".

Vita:
Die evangelische Christin Marianne Birthler wurde 1948 in Ost-Berlin geboren. Sie engagierte sich seit Ende der 1970er Jahre in der Kirche und protestierte in der DDR öffentlich gegen die Unterdrückung. Während der Wende trat Marianne Birthler der Partei Bündnis 90/Die Grünen bei, für die sie zunächst Abgeordnete in der letzten Volkskammer der DDR wurde und später Abgeordnete im Landtag von Brandenburg und Kultusministerin. Seit 2000 ist Marianne Birthler die "Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik", so ihr offizieller Titel.

Montag, 19. Januar 2009, 22.25 Uhr

Die komplette Sendung mit Marianne Birthler



zur Übersicht

Eine Hörfunkversion der Sendung wird am 20. Januar 2009, 22.15 Uhr in SWR cont.ra ausgestrahlt.
SWR2 Interview der Woche: Marianne Birthler
Stasi Puzzle: 600 Millionen Aktenschnipsel werden rekonstruiert [HR]
Stasi-Täter können aufatmen - DDR-Aufarbeitung gefährdet [RBB]
Bundestag debattiert neue Stasi-Vorwürfe: "Der IM kann nur Gysi gewesen sein" [Tagesschau]

14.01.2009 / SWRSRR
zurück Seitenanfang Druckversion Artikel versenden 3sat [E-Mail]