Peter Voß im Gespräch mit Bernhard Bueb
Alle Macht den Schulleitern, Herr Bueb?
Bernhard Bueb  © dpa
Jemand, der eine Streitschrift schreibt, will provozieren, vielleicht sogar polemisieren. Bernhard Bueb, der ehemalige Leiter des Internats Salem, hat in seiner "Streitschrift", so der Untertitel des Buchs "Ein Lob der Disziplin", viele kontroverse Thesen zur Pädagogik zusammengetragen. Die Stoßrichtung seiner Kritik geht klar in die Richtung der universitären Pädagogik, der "psychologisierten" und antiautoritären Kindererziehung.
Ist das Bildungssystem wirklich in linker Hand?
Bueb will die linke Schlagseite des Erziehungs-Bootes korrigieren, in dem er sich mutig an die rechte Reling lehnt: "Wir müssen uns in den kommenden Jahren eher zur Seite der Gerechtigkeit, Disziplin, Kontrolle und Konsequenz neigen", heißt es in seinem Sachbuch.

Eltern und Pädagogen würde es schwer fallen, so Bueb, streng und konsequent zu sein. Jeder mitfühlende Vater weiß, da hat er recht. Kinder brauchen neben viel Liebe auch Regeln und Ordnung an denen sie sich abarbeiten könnten - auch ein durchaus nachvollziehbarer Gedanke. Doch Bueb behauptet auch, dass eine Erziehung zur Freiheit nicht funktionieren könne, wenn dem Kind viel Freiheit gelassen werde. Freiheit dürfe nur dann gewährt werden, wenn die Wegstrecke, die es "frei" zurücklegen soll geordnet und vorgeplant sei. Nur durch Disziplin sei Selbstdisziplin zu erreichen.

"Alter Lehrer mit uralten Lehren" - harsche Kritik
Die Streitschrift scheint ihren Zweck erfüllt zu haben - die Kritik war mannigfaltig und harsch: In der "Zeit" vom 03.05.2007 wurde Bueb als "alter Lehrer mit uralten Lehren" geschmäht und seine Thesen als "ärgerliche Zumutung" gebrandmarkt. Bueb wurde sogar zusammen mit Eva Herrmann als "Sektenführer" beschimpft. Der Pädagoge Hans Thiersch blieb sachlicher. Er führte gegen Buebs Thesen an, dass es sein "Geheimnis bleibe, auf welche Weise die Erfahrung der Unterordnung zur Praxis von Selbstbestimmung und demokratischem Verhalten führen könne".

Hier legt Thiersch treffsicher den Finger in die Wunde: Bueb selbst weist zu Recht darauf hin, dass Disziplin eine "Sekundärtugend" ist und nicht, wie im Dritten Reich, zur Primärtugend werden darf. Der "Sinn" der Sekundärtugend Disziplin sei es, Kinder zu den Primärtugenden Gerechtigkeit, Mitleid und Ehrlichkeit zu erziehen. Doch an vielen Stellen des Buches bricht Bueb mit seiner eigenen Argumentation. Er selbst erhebt Disziplin wieder zur Primärtugend: So soll jugendlicher Widerstand gegen die Anweisungen von Autoritätspersonen sofort gebrochen werden, da sonst eine Erziehung nicht mehr möglich sei.

Praxisuntaugliche Voraussetzung: Vollkommene Erzieher
Bueb geht von der praxisuntauglichen Voraussetzung aus, dass die Lehrer und Eltern immer im Recht sind. Wenn Anweisungen von Erwachsenen unbedingt befolgt werden müssten, seien sie moralisch richtig aber auch - und hier ist das Problem - manchmal eben falsch, tritt der Gedanke einen gerechten, mitfühlenden und wahrhaftigen Menschen zu erziehen hinter den der Disziplin zurück. Erfahren Jugendliche Unrecht, dürfen sie sich auch gegen Erwachsene auflehnen. Das ist essenziell, sollen sie Gerechtigkeit als hohen Wert kennen lernen. Wird ein Kind wiederholt objektiv ungerecht diszipliniert, so ist es ihm unmöglich, den Wert Gerechtigkeit zu verinnerlichen. Das klingt einfach, ist deshalb nicht falsch. Wenn Jugendliche aber einen Abwägungsspielraum besitzen, bedarf es der rationalen Begründung von Entscheidungen: "Weil ich dass so will", wie Bueb den Eltern rät in einigen Fällen zu argumentieren um ihre Autorität zu festigen, ist keine ausreichende Begründung.

In Buebs neuem Buch "Von der Pflicht zu führen" verstrickt sich Bueb, so die Ansicht seiner Kritiker, in ähnliche Widersprüche. Doch die Wogen haben sich etwas beruhigt und eine Kampfansage ist das neue Werk nicht in dem gleichen Maße wie das von 2006. Jeder, der in den Alltag einer öffentlichen Schule Einblick hatte, wird mit Bueb einer Meinung sein, dass der Posten eines Schulrektors ein dröger Verwaltungsarbeitsplatz ist - mit wenig Kompetenz und kaum Führungsaufgaben. Eine neue Führungskultur in der Schule fordert Bueb deshalb: Das Beamtentum solle abgeschafft werden, Anerkennung, Wegweisung, Gerechtigkeit und Zuwendung den Schulalltag bestimmen. Er setzt auf Ganztagsschulen, die dafür sorgen, dass auch sozial benachteiligte Kinder eine Erziehung bekommen - vor allem dort, wo die Bildung über die traditionellen Schulfächer hinausgeht. Geht diese Vorstellung von Schule an der Realität vorbei? Oder kann wirklich nur ein radikaler Wandel den deutschen Schülern zu mehr Bildung verhelfen?

Vita und Literatur:
Bernhard Bueb, 1938 geboren, studierte Philosophie und katholische Theologie in München und Saarbrücken. Nach seiner Promotion arbeitete er unter anderem als Assistent des Pädagogen Hartmut von Hentig an der Universität Bielefeld sowie zwei Jahre als Lehrer und Erzieher an der Odenwaldschule. Von 1974 bis 2005 leitete er die Internatsschule Schloss Salem. Bueb ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Bernhard Bueb: Lob der Disziplin
List 2007, ISBN: 3471795421, 18 Euro (Broschiert 8,95 Euro).

Mischa Brumlik: Vom Missbrauch der Disziplin
Beltz, 2007, ISBN: 3-407-85765-9, 12,90 Euro.

Bernhard Bueb: Von der Pflicht zu Führen. Neun Gebote der Bildung.
Ullstein, Berlin 2008, ISBN 978-3550087189, 18,00 Euro (Broschiert 12,90 Euro).


Montag, 13.Oktober 2008, 22.25 Uhr

Hörfunk: 2.11. 2008, 23.03 Uhr, in SWR2


Die komplette Sendung mit Bernhard Bueb als Videostream



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07.10.2008 / SWR/SRR
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