Peter Voß im Gespräch mit Wibke Bruhns
Was bedeuten uns heute noch die Männer des 20. Juli?
Wibke Bruhns, Journalistin und Autorin, Tochter von Johannes Georg Klamroth  © dpa
"Keine Gegenwart ohne Vergangenheit" - wenn es in Wibke Bruhns Leben so etwas wie ein Motto gäbe, dann wäre es dieses. Ihr Vater Johannes Georg Klamroth wurde 28 Tage nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 hingerichtet. Wibke Bruhns war damals erst fünf Jahre alt und kannte ihren Vater kaum. Doch eine solche Vergangenheit prägt: Sie verewigt sich in der eigenen Biografie und sie wirkt auf die eigene Sicht der Dinge. Die deutsche Vergangenheit holte Bruhns im schwedischen Internat ein.
Als Elfjährige musste sie erfahren, wie die Kinder in ihrer Schule nicht mit ihr spielen wollten, weil sie Deutsche war. Als ihre schwedische Pfadfindergruppe eine Europareise macht, endet für die kleine Wibke die Fahrt am Brenner. Mit dem deutschen Pass durfte sie nicht weiter - und sie schämt sich dafür. Noch stärker musste sich die inzwischen gestandene Journalistin Bruhns mit der deutschen Vergangenheit auseinander setzen, als sie Auslandskorrespondentin wurde. Vor allem bei ihrem vierjährigen Aufenthalt in Israel, so schrieb sie kürzlich in der "Welt", hätte sie sich in der Scham, Deutsche zu sein, eingerichtet. Ihre israelischen Freunde litten am gleichen Trauma, nur entgegengesetzt.
Vergangenes ist nicht tot - nicht einmal vergangen
"Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd", schrieb einst auch Christa Wolf. Doch erst nach dem Tod der Mutter suchte Bruhns den Anschluss an ihre private Geschichte. In der Familie Klamroth war die Exekution des Vaters bis 1960 überhaupt kein Thema, sie wurde verschwiegen - die Attentäter galten noch als Verräter. In der Zeit danach hatte die Familie sich schon in standardisierten Floskeln eingerichtet, erzählte vom Vater in der immer gleichen Weise. Wibke Bruhns' Initialzündung, sich mit ihrer privaten Vergangenheit zu beschäftigen, war eine Dokumentation über den 20. Juli 1944. Sie sah diese kurz vor ihrem Aufbruch nach Israel. Die Bilder ihres Vaters waren während des Prozesses am Volksgerichtshof aufgenommen worden und gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Bei einem Glas Whiskey beschloss sie, sich "um ihren Vater zu kümmern". In den folgenden Jahren trug sie Zeugnisse der Geschichte zusammen, die zum Teil in einer verschlossenen Schublade des mütterlichen Schreibtischs ruhten.
Demontage eines Widerständlers?
Was sie ans Licht beförderte, entsprach nicht dem Idealbild, das viele von ihrem Vater hatten, und schon gar nicht der Heldenlegende, die sich heute um die Männer vom 20. Juli rankt. Ihr Vater, seit 1933 überzeugtes Mitglied der NSDAP, war kein Widerstandskämpfer, der dem Gedankengut der Nazis fern stand. Trotzdem ist Wibke Bruhns' Buch, das bei den Recherchen entstand, alles andere als eine selbstgerechte Schuldzuweisung an die Elterngeneration. Es scheint viel Moderne, Anstand und Liberalität im Hause Klammroth gegeben zu haben. Vor allem Hans Georgs aus Dänemark stammende Frau Else wahr sehr weltoffen und gemäßigt. In den frühen Dreißigern gab es sogar eine undurchsichtige Liebesbeziehung mit einem anderen Ehepaar. Doch da ist auch Antisemitismus und deutsches Überlegenheitsgefühl. Von der Front schreibt Hans Georg, dass es "wunderbar vorwärts in Richtung Stalingrad" geht, und Hans Georg macht sich Gedanken, dass es mit der Knechtschaft der Unterlegenen Völker nicht getan ist, man müsse auch ihren Geist erobern. "An der Legitimität der 'Knechtung' und an dem Führungsanspruch", so schreibt seine Tochter "bestand kein Zweifel". Der Arier-Paragraf der Nazis wurde eilfertig ins sogenannte "Grundgesetz" des Klamrothschen Familienverbandes aufgenommen.
"Vom Vater habe ich gelernt, wovor ich mich zu hüten habe"
Wann ihr Vater von den Plänen eines Attentats auf Hitler erfahren hatte, ist ungewiss. Ob er mit seinen und den Idealen der Nazis gebrochen hatte, ist ebenso nicht überliefert. Klamroths Vetter Bernhard besorgte 1944 den Sprengstoff für das Attentat. Von ihm wurde Hans-Georg vermutlich in die Pläne eingeweiht. Dass er nach der Verhaftung durch die Gestapo schweigt, besiegelt sein Todesurteil.

In einem Interview mit der taz wurde Wibke Bruhns gefragt, ob sie keine Lehre aus dem Leben Ihres Vaters ziehen könne? "Doch, natürlich", antwortet sie. "Durch meinen Vater habe ich gelernt, wovor ich mich zu hüten habe. Wofür es sich einzutreten lohnt, habe ich selbst lernen müssen. Dafür ist ein Vater da, nicht wahr? Ich danke dir."

Wibke Bruhns schafft es in diesem uneingeschränkt empfehlenswerten Buch, die kritische Betrachtung ihrer Familie zu einer großen prototypischen Erzählung über die Anfänge und Hintergründe der Nazizeit zu machen. Sie erzählt von Mittmachern und den Zweifeln an der Diktatur (oft vereint in einer Person). Gekonnt verwebt Bruhns Briefzitate, Informationen zur politischen und wirtschaftlichen Lage und ihre einordnenden Kommentare zu einer überaus anschaulichen Schilderung.

In den "Bühler Begegnungen" möchte Peter Voß einen Tag nach dem 64. Jahrestag des Attentats auf Hitler von ihr wissen: "Was bedeuten uns heute noch die Männer des 20. Juli, Frau Bruhns?"

Eine Hörfunkfassung der „Bühler Begegnung“ mit Wibke Bruhns wird am Sonntag, 27. Juli 2008, 23.03 Uhr, in SWR2 ausgestrahlt.

Literatur:
Wibke Bruhns: Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie
Econ 2004, ISBN 343011571X, 22,00 Euro
Vita:
Wibke Bruhns wurde 1938 in Halberstadt geboren. Sie studierte Geschichte und Politikwissenschaft und volontierte bei der Bild-Zeitung. 1962 wurde sie Redakteurin beim ZDF. Sie war die erste Frau in Deutschland, die die Nachrichten präsentierte. 1971 wurde sie Sprecherin der „heute“-Nachrichten des ZDF. Später arbeitete sie unter anderem für den WDR, als Korrespondentin für den „stern“ im Nahen Osten und in Washington, leitete die Kulturredaktion beim ORB und wurde schließlich Pressesprecherin der Expo 2000 in Hannover. Heute lebt sie als freie Autorin in Berlin.

Montag, 14. Juli 2008, 22.25 Uhr

Die komplette Sendung mit Wibke Bruhns als Videostream


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Druckfrisch: Wibke Bruhns - "Meines Vaters Land". Eine deutsche Familiengeschichte [DasErste]

Buchmesse 2004: Buchvorstellung "Meines Vaters Land"
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Der 20. Juli 1944 - Das gescheiterte Attentat auf Hitler (Sendungen 2004)
Kulturzeit: 20. Juli 1944 - Ein deutsches Datum

11.07.2008 / SRR
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