Peter Voß im Gespräch mit Wilhelm Schmid
Geld, Gesundheit, Liebe - was macht den Menschen glücklich, Herr Schmid?
Wilhelm Schmid, "Erfinder" der Lebenskunst-Philosopie   © dpa
Schlägt man das kleine grüne Büchlein von Wilhelm Schmid auf, so verwundert es, dass dem Thema "Glück" weniger Seiten gewidmet sind als dem zweiten inhaltlichen Komplex, dem "Sinn": "Das Wichtigste im Leben ist Sinn" postuliert Schmid. Bei solchen Aussagen müssten Albert Camus und Friedrich Nietzsche im Grabe zu rotieren anfangen und die Zunft der theoretisch/wissenschaftlichen Philosophen erschreckt Schmid eine Rückwertsgewandtheit, eine Restauration schon überwunden geglaubter Fragestellungen vorwerfen: Den objektiven Sinn, den gibt es einfach nicht!
Der Einbruch des Lebens in die Philosophie
Doch Schmid stört das vermutlich wenig. Der 55-jährige Philosophie-Professor, der sich schon im Studium der so genannten Lebenskunst-Philosophie verschrieben hat, steht mit seinem aktuellen Buch "Glück - Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist" ganz oben auf den Bestseller-Listen.

Schmid möchte weder die philosophische Wissenschaft durch immer neue und kompliziertere Gedankengebäude voranbringen, noch möchte er im Elfenbeinturm über Probleme referieren, die keinem "normalen" Menschen mehr verständlich sind. Wilhelm Schmid ist der Begründer der Lebenskunstphilosophie, eine Art der Philosophie, die als Ratgeber fungieren will, das eigene Leben zu meistern. Damit greift er eine Tradition auf, aus der die Philosophie bei den alten Griechen eigentlich entstand. Während seiner akademischen Ausbildung zum Philosophen vermisste Schmid den Bezug zum Leben. Als er seinen Professor danach fragte, bekam Schmid den Rat doch besser eine Psychotherapie zu machen, dort bekäme er Lebenshilfe. Schmid hielt das nicht für angemessen und arbeitete daran, das "Leben" und seine "Probleme" zurück in die Philosophie zu bringen - und das mit großem Erfolg.

Nur wo Sinn erfahrbar ist, dort ist Glück die Folge
Als hätte es den Existenzialismus und den Nihilismus nie gegeben, beschäftigt er sich mit der Wurzel des wahren Glücks: der Sinnhaftigkeit des eigenen Handels und Lebens - den "nur wo Sinn erfahrbar ist, dort ist Glück die Folge".

Schmid unterscheidet vier Formen des Glücks: Das Zufallsglück, wie ein Lottogewinn, ist nur von kurzer Dauer und bereichert ein Leben nur selten. Auch das Wohlfühlglück ist flüchtig. Es ist die Art von Glück, die man empfindet, wenn man eine gute Mahlzeit isst. Doch nach übermäßiger Speise kommt immer das Gefühl der Völle. So kann Glück nicht dauerhaft sein, es wäre dann der Normalzustand, der als langweilig empfunden würde. So seltsam es sich anhört, so zählt Schmid als drittes auch das Glück des Unglücklichseins.

Sinn ist, wenn etwas zusammenpasst
Das Glück der Fülle empfindet man, wenn das Leben abwechslungsreich ist, man die ersten drei Arten des Glücks in einem ausgewogenen Verhältnis erfährt, verschiedenste Reize auf einen einströmen lässt und man mit einer entsprechenden "geistigen Haltung" durchs Leben geht, sich das Essen schmecken lässt aber auch den Hunger zu schätzen weiß. Das Glück der Fülle aller "Sinne", aller Erfahrungen weißt schon auf das hin, was hinter all diesen Arten von Glück steht, den "Sinn". "Glück kann ein Ersatzbegriff für Sinn sein", so Schmid. Da es keine allgemein verbindlichen Sinnzusammenhänge gibt, erfahren wir Sinnhaftigkeit, wenn etwas zusammenpasst. Etwas passt zusammen, wenn die Sinneseindrücke sich zu einem nicht widersprüchlichen Bild zusammenfügen lassen. Aber auch Menschen und Orte können zusammenpassen, zusammenhängen: Wenn menschliche Beziehungen "zusammenhängen", wenn die Bindungen zu Kindern, dem Partner, der Heimat, der Arbeit und der Freundschaft gefühlt werden, sind wir glücklich.

In diesen subjektiven Eindrücken löst der Philosoph auch die scheinbaren Widersprüche zu Camus und Nietzsche auf. Es soll kein "Sinn" als absoluter Begriff eingeführt werden, sonder nur die subjektive Erfahrung von Sinnhaftigkeit: "Wozu die 'Welt' da ist, wozu die 'Menschheit' da ist, soll uns einstweilen gar nicht kümmern (…) aber wozu du Einzelner da bist, das frage dich, und wenn es dir Keiner sagen kann, so versuche es nur einmal, den Sinn deines Daseins gleichsam a posteriori zu rechtfertigen, dadurch dass du dir selber einen Zweck, ein Ziel, ein 'Dazu' vorsetzest, ein hohes und edles 'Dazu'. Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen

Peter Voß fragt den Philosophen: "Geld, Gesundheit, Liebe - was macht den Menschen glücklich, Herr Schmid?"

Wilhelm Schmid wurde 1953 in Billenhausen in Schwaben geboren. Er studierte Geschichte und Philosophie in Berlin, Paris und Tübingen, wo 1991 über Lebenskunst bei Michel Foucault promovierte. 1997 habilitierte er in Erfurt mit der Grundlegung zu einer Philosophie der Lebenskunst. Nach Lehrtätigkeiten an den Universitäten in Leipzig, Berlin, Erfurt und Jena arbeitet er heute als außerplanmäßiger Professor für Philosophie an der Universität Erfurt, als freier Philosoph und Publizist. Schmid hat zahlreiche Bücher zum Thema Lebenskunst veröffentlich. Sein letztes Buch "Glück" erschien 2007.

Eine Hörfunkfassung der "Bühler Begegnung" mit Wilhelm Schmid wird am Sonntag, 25. Mai 2008, 23.03 Uhr, in SWR2 ausgestrahlt.


Montag, 19. Mai 2008, 22.25 Uhr

Hörfunk: SWR2, So. 25. Mai 2008, 23.03 Uhr


Die komplette Sendung mit Wilhelm Schmid als Videostream


zur Übersicht der Sendereihe

Private Seite von Wilhelm Schmid
SWR2 Zeitgenossen: Wilhelm Schmid (Sendung zum Nachhören)
Fröhlich lesen: Vom Suchen und Finden des Glücks [MDR]
Philosophischer Ratgeber Wilhelm Schmids Geschichten über die "Kunst der Balance" [d-radio]
Altwerden ist keine Krankheit - Aspekte einer neuen Lebenskunst: von Wilhelm Schmid [SWR2]
eins-zu-eins-der-talk zum Nachhören mit Wilhelm Schmid [BR]
Prof. Dr. Wilhelm Schmid Philosoph im Gespräch mit Corinna Spies als .pdf [BR]

delta: Weitere Literatur über das Glück

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