Peter Voß im Gespräch mit Michael Krüger
Wozu denn noch lesen, Herr Krüger?
Michael Krüger auf der Buchmesse in Frankfurt
Michael Krüger ist Autor und Verleger zugleich. Nein, er bringt seine Bücher nicht im Eigenverlag heraus. Der Autor leitet den Hanser-Verlag und Veröffentlicht seine Romane und Gedichte bei der Konkurrenz, dem Suhrkamp Verlag. "Es gebührt sich nicht, im eigenen Verlag zu Veröffentlichen", kommentierte er diese seltsame Verbindung. Wen wundert es, dass der Autor Krüger Reflexionen über Literatur und den Literaturbetrieb zu Papier bringt. Krügers Romane handeln vom Schreiben; seine Gedichte widmet er befreundeten Schriftstellern wie Peter Handke oder dem jüngst verstorbenen Wolfgang Bächler.
Eine Geschichte von Herr und Knecht
Es empfiehlt sich also aufmerksam zu lesen, was Krüger, eine Zentralgestalt des Literaturbetriebs, über denselben schreibt: So viel kann verraten werden, es scheint schlecht um die Literatur zu stehen.

Die Turiner Komödie dreht sich um einem Trauerfall. Der große Schriftsteller Rudolph hat sich das Leben genommen und sein bester Freund M., der Ich-Erzähler, wird zum Nachlassverwalter des Turiner Professors bestellt. Die Beiden kannten sich aus Berlin, wo sie in jungen Jahren in einer WG zusammen lebten. M. war immer so etwas zwischen Knecht und Seelsorger für den großen Literaten Rudolph. Er musste zu WG-Zeiten für ihn einkaufen, kochen, sich um seine Frauen kümmern und ertragen dass Rudolph seine Zahnbürste mitbenutzte. Doch das Verhältnis dreht sich nach Rudolphs Tod. Nun putzt sich M. mit Rudolphs Zahnbürste die Zähne, übernimmt auch seine Geliebte, die Institutsmitarbeiterin Marta, die bei dem Verstorbenen angestellt war.

Alles Exegese? Vom Schreiben und Abschreiben
Der Protagonist entdeckt nach und nach, dass sein bewundertes Vorbild Rudolph in Wirklichkeit ein Plagiator war. Seine höchst erfolgreichen Bücher sind zur Hälfte zusammengeklaut - die Kritiker dagegen lobten den Ideenreichtum und die Einmaligkeit des Buch mit dem Titel bezeichnenden "Patchwork".

Der Turiner "Intelligenzia" sitzt M. im Nacken. Der Rektor der Universität möchte, dass der Nachlassverwalter ein letztes sagenumwobenes Romanmanuskript findet und veröffentlicht. Rudolph hatte angekündigt, dass sein nächstes Werk alles Bekannte übertreffen werde, ja die Gattung des Romans "aus den Angeln hebe". Doch dieses Werk hat es nie gegeben, nicht einmal ansatzweise. Nur kartonweise Rechnungen, Bahnfahrkarten und Briefe findet M. In gewisser Weise weiter dient er weiterhin seinem alten "Freund" und schleppt heimlich die Unterlagen, die Rudolph als Abschreiber entlarven würden, aus der Wohnung.

Aus seinem Leben? Dichtung und Wahrheit
Der Literaturbetrieb kommt in den Erzählungen Krügers auch nicht besser weg, als der Schummel-Schriftsteller: Ausgelobte Preise für literarisches Schaffen werden ausgeklüngelt, der Präsident der Universität versucht seine Mahlzeiten in Nobelrestaurants auf Staatskosten finanzieren und die Trauergemeinde an Rudolphs Grab begafft nur die zur Schau gestellten Garderoben und Frisuren. Interessant ist nicht nur die Tragödie der Literatur in diesem Buch, sondern auch die Frage, wie viel Realität steckt darin. M. ähnelt in einigen Punkten dem Erzähler : 68er-Intellektueller mit Buchdruckerlehre in Berlin, regelmäßige Universitätsbesuche, Aufenthalt in London, Vorliebe für Italien und französische Denker etc. Auch andere Personen lassen sich zuordnen, sei es einen Leiter des Goetheinstituts oder Krügers Freund Henning Ritter, der namentlich in der "Turiner Komödie" vorkommt. Ein Professor Emrich, bei dem Rudolph an der Berliner Universität arbeitete, ist auch eine reale Gestalt. Bei so viel Einsprengseln drängt es den Leser zu fragen wer hinter dem Scharlatan "Rudolph" steckt.
Rechtsanspruch auf Worte anrüchig?
Schreiben übers Schreiben ist fester Bestandteil Krügers Romanwelten: 1990 führt er in der Novelle "Das Ende des Romans" aus, wie ein Schriftsteller seinen Romanhelden am Ende des Buchs sterben zu lassen beschließt. Daraufhin vernichtet er Seite für Seite seines auf achthundert Manuskriptseiten angelegtes Werk. Sein Scheitern und die Konfrontation mit der Realität liefern zugleich neuen Stoff für Literatur.

1993 veröffentlichte er "ein kleines Juwel der Boshaftigkeit und gleichzeitig der trotzigen Liebe" (Elke Heidenreich), den Roman "Himmelfarb": Ein 80-jähriger Reiseschriftsteller mit Bestsellererfolgen und Ehrendoktorwürden wird plötzlich mit der Enthüllung konfrontiert, dass sein Erfolgsbuch in Wahrheit auf den Texten des Juden Himmelfarb basiert.

Krüger dürfte in seinem Lektor und Verlagsleiter-Dasein so einige Plagiate und so einige Rudolphs kennen gelernt haben, doch Namen nennt er keine. Wie steht es überhaupt um die Urheberschaft des Autors? Ist nicht, wie die Romanfigur Rudolph es ausdrückt, der "Rechtsanspruch auf Worte sowieso anrüchig"? Krüger würde dass als Verlagsleiter schärfstens zurückweisen.


Mittwoch, 14. November 2007, 13.15 Uhr

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30.11.2007/ ES: Montag, 12. November 2007, 22.25 Uhr / SRR
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