Peter Voß im Gespräch mit Rüdiger Safranski
"Sind wir Deutsche hoffnungslose Romantiker, Herr Safranski?"
Rüdiger Safranski kann komplexe Sachverhalte verständlich darstellen  © dpa
Führte die deutsche Romantik in den Holocaust? Ja, sagt eine politische Theorie, die heute nicht mehr "on vogue" ist: Die nicht stattgefundene Revolution des liberalen Bürgertums in Deutschland hatte zur Folge, dass sich die Bürger in einen gegenaufklärerischen Irrationalismus flüchteten, der für Deutschland einen verehrenden Ausgang hatte: den Faschismus. Der "Deutsche Sonderweg", wie man diese hier sehr verkürzt dargestellte Theorie nannte, wurde vor allem im linken politischen Lager "common sense".
Hat das Romantische einen Keim zum Bösen?
Dieser Theorie besagt weiter, dass auch eine andere Epoche in der deutschen Geschichte, die Romantik, in einem ursächlichen Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus steht.

Rüdiger Safranski muss in seiner "Jugend" vor einer schwierigen Aufgabe gestanden haben: Zum einem war er dem linken Lager und der Studentenbewegung anhängig, zum anderen ein bekennender Romantikfan. Beides ist nicht unbedingt mit einander zu vereinen, da für die Linken ja die Romantik in den Faschismus mündete. So widmete sich Safranski sehr eingehend dem Thema Romantik, schrieb Biografien über Schiller, Arthur Schopenhauer, Martin Heidegger und Friedrich Nietzsche. In seinem neuen Buch "Romantik - eine deutsche Affäre" hat er auf 400 Seiten das untersucht, was in vielen seinen vorhergehenden Büchern im Hintergrund immer mitschwang: Was bedeutet die Romantik für die deutsche Geschichte? Wie wirkte sie bis in unsere jüngere Vergangenheit, sogar bis in die 68-Berwegung, hinein? Um sein Resümee vorweg zu nehmen - im Gegensatz zu ein bisschen schwanger ist ein "bisschen Sonderweg" für Safranski durchaus denkbar.

Waren Andreas Baaders Motive romantischer Natur?
Auf den ersten Blick scheint es verwunderlich, ein Buch über die Romantik zu schreiben und den geschichtlichen Zeitraum 1968 enden zu lassen. Waren die Motive Andreas Baaders romantischer Natur? Oder war er ein moderner Karl Moor? Sicherlich nicht, doch auch 1968 verband einiges mit 1790, vorausgesetzt man fasst man den Begriff Romantik weit, sehr weit.

1789 stürmte das französische Volk die Bastille und im Anschluss rollten in Frankreich die Köpfe. In Deutschland bewunderten die oft sehr jungen Romantiker (erste Parallele zu 68) die Revolution, versprach sie doch das Ende der Knechtschaft und die ungestörte Entfaltung eines jeden "Ich". Politik wurde erstmals nicht als Schicksal begriffen, sondern als veränderbar (hier die zweite Parallele zum Nachkriegsdeutschland). Doch die Chancen auf einen Umsturz standen im 18. Jahrhundert schlecht. "Wo die Revolution die Köpfe nicht abschlug, reichte Ihre Macht immerhin aus, sie zu verwirren" schreibt Safranski. Die Romantik war sozusagen eine deutsche Antwort auf die Französische Revolution, eine Fundamentalkritik des adeligen und bürgerlichen Lebens. Aus der Frühromantik sprach eine Verachtung des Monetären. Der Menschen könne sich nicht frei entfalten, das "Ich" werde durch den bürgerlich-kapitalistischen Staat verstümmelt. Die Romantiker setzen die Poesie gegen das Nützlichkeitsdenken (dritte Parallele zu 68).

Irrationale Gegenbewegung zur Industrialisierung
Während die Frühromantik eher den revolutionären Tendenzen der 68er ähnelte, kam es in der Spätromantik zu einer - auch von Safranski attestierten - unheilvollen Verquickung: Anstelle der Freiheit des Individuums trat die Freiheit der Nation. Die Romantik schlug in einen extremen Patriotismus um der von Nationalismus, Franzosen und Judenhass gefolgt wurde. All dieses hatte schon der Begründer des "Sonderwegs", Georg Lukács, der 1954 in seinem Buch "Die Zerstörung der Vernunft" beschrieben. Der "romantische Irrationalismus" sei die Keimzelle der faschistischen Mentalität. Es ergebe sich eine Traditionslinie "von Schelling zu Hitler".

Hier begibt sich Safranski zu Recht in die Rolle eines Anwalts für die Romantik: Es sei kein monokausaler Zusammenhang herzustellen. Der Nationalsozialismus habe sich durchaus romantische Elemente zu eigen gemacht: Man denke nur an die Jugendbewegung, die Fackelumzüge, die Betonung der Natur und des Natürlichen - doch Hitler sei schlicht die Perversion eines Romantikers. Ausschlaggebend für die NS-Ideologie waren Pseudo-Naturwissenschaften wie Biologismus, Rassismus und Sozialdarwinismus - ergänzt durch einen ganz und gar unromantischen Technikkult.

Romantische Politik und politisierte Romantik - immer ein Übel
Aus beiden geschichtlichen Beispielen lässt sich, so Safranski, eine Lehre ziehen. Sobald sich Romantik mit der Politik paart, wird es gefährlich. Romanische Gesinnung ist keine gute Grundlage für Politik. Die Romantiker neigen zu extremen Positionen - in der Politik ist aber der Ausgleich, die Mäßigung gefragt. Die Sphäre der Kultur und der Politik sollten stets getrennt werden. Die Kulturschaffenden dürfen radikal sein und experimentieren. Doch auch 1968 ist die Trennung zur Politik aufgehoben worden und die Radikalität führte direkt in den Terrorismus. Das Programm der Romantik "Ästhetik statt Moral" ist niemals für die Politik zu gebrauchen. Romantik schlage in Fanatismus um, wenn die romantische Ironie fehle.

Eine Hörfunkfassung der "Bühler Begegnung" mit Rüdiger Safranski wird auf SWR2 am 28.10.2007, 23.03 Uhr ausgestrahlt.


Montag, 15. Oktober 2007, 22.25 Uhr

Hörfunkf: SWR2 am 28.10.2007, 23.03 Uhr


Die komplette Sendung als Videostream


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12.10.2007 / SWR/ SRR
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