Peter Voß im Gespräch mit Götz W. Werner
Unternehmen und Anthroposoph - Götz W. Werner  © dm
Eigentlich ist er Revolutionär, ein absoluter Querdenker, vielleicht sogar ein Linker? Götz W. Werner möchte die Grundannahme des deutschen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem auf den Kopf stellen: "Die Entkoppelung von Einkommen und Arbeit". Sollten Sie nun nicht ins Stutzen gekommen sein, ist Ihnen vermutlich die Tragweite des Gelesenen entgangen: Irgendwann hat man in seiner Jugend gelernt, die Eltern gehen zur Arbeit und bekommen dafür Geld. Von dem Geld kauft sich die Familie, was sie braucht. Werner sagt nun, das Prinzip sei falsch. Alle Bürger in Deutschland sollten von dem "sinnlosen Zwang zur Arbeit" befreit werden.
Bestechend einfach oder nur ein Milchmädchenrechnung?
Klasse, denkt sich der Nachwuchs - dann muss ich, wenn ich groß bin, also nicht arbeiten. Ja, würde Werner sagen, jeder sollte monatlich einen Betrag von 800 bis 1500 Euro bekommen, ohne dafür nur einen Finger krumm machen zu müssen. Bedingungsloses Grundeinkommen nennt Werner diese Zahlungen. Alle Sozialleistungen wären darin enthalten, genauso wie Renten, Kindergeld, Wohngeld, Bafög und Harz IV.

Was ist nur in den Unternehmer und Gründer der Drogeriemarktkette "dm" Götz W. Werner gefahren, mögen die Erwachsenen denken. So eine Milchmädchenrechnung finden sonst nur langhaarige Berufsrevolutionäre gut. Doch nun mal ernsthaft, diese Idee hat etwas Bestechendes: Sie ist rigoros einfach. Sie trägt einer veränderten Industriegesellschaft Rechnung, in der sich Produktivität durch Automatisierung immer weiter steigert, Arbeit aber knapp wird. Der große Widerspruch, in der unsere Gesellschaft lebt - auf der einen Seite wachsender Wohlstand und Warenüberfluss, auf der anderen Seite Armut, ohne Chance von diesem Überfluss etwas abhaben zu können - würde weitgehend wegfallen.

Weniger als ein Bierdeckel - Steuererklärung ade!
Alle Steuern würden nach diesem vom Milliardär Werner propagierten Modell abgeschafft. Nur die Mehrwertsteuer oder eine andere Konsumsteuer in Höhe der jetzigen Staatsquote (der durchschnittlichen Gesamtsteuerbelastung) von ca. 40 Prozent bliebe bestehen. Nur wer konsumiert, zahlt Steuern. Der Bürokratieabbau wäre riesig. Die Steuererklärung würde nicht auf einen Bierdeckel passen, nein - es gäbe sie gar nicht.

Ist dieses einfache Modell die Lösung aller Probleme? Schon heute trägt nur in Drittel der Gesamtbevölkerung die ganze Last der Sozialsysteme. "Vollbeschäftigung", also das jeder Arbeitswillige auch Arbeit findet, existiert nicht mehr. Die Arbeitslosenquote pendelt in Deutschland seit 1983 um neun Prozent die verdeckte Arbeitslosigkeit, "Arbeitsunfähige" und ABM-Maßnahmen nicht mit eingerechnet. Im übrigen Europa sieht es ähnlich aus: unter eine "Sockelarbeitslosigkeit" von vier Prozent schafft es kein einziges Land. Sollte angesichts dieser konstanten Zahlen nicht ein Umdenken einsetzen?

Werner: Hartz-IV-Programm = "offenen Strafvollzug"
Das soziale Klima würde sich vollkommen verändern. Das Stigma "Harz IV" würde einem Klima weichen, in dem es jedem ermöglicht wird, das zu tun, was er für sinnvoll hält. Arbeitet um nicht primär in Einkommen zu erzielen, sondern um Sinn zu maximieren, wäre ein Traum. Werners Konzept ist auch deshalb attraktiv, weil es sich nicht in parteipolitische Raster pressen lässt. Er mischt geschickt die linke Idee von Gleichheit mit dem wirtschaftsliberalem Konzept von Freiheit. Doch sind die Menschen für so viel Freiheit schon bereit? Ein gängiges Argument gegen das Grundeinkommen ist, würde es umgesetzt, so ginge wohl niemand mehr arbeiten. Dem hält Werner entgegen, dass mit 1.500 Euro im Monat alles andere als ein Luxusleben möglich sei. Ein statusträchtiges Auto, ein Eigenheim, Urlaubsfernreisen oder andere materielle Privilegien ließen sich dadurch nicht finanzieren. Dafür sei dann doch ein guter Job notwendig.
Steuern steueren
Schwerwiegender ist das Argument, das allen krassen Vereinfachungen des Steuerrechts entgegen steht: Die Möglichkeit steuernd in den Wirtschaftsablauf einzugreifen geht verloren. Umweltschonendes, CO2-verminderndes, gemeinnütziges oder Gefahren abwehrendes Verhalten der Bürger wird nicht belohnt. Wir würden heute alle noch ohne Katalysatoren in den Autos durch die Gegend fahren, gäbe es dieses Instrument nicht. Zum Zweiten würden die Unternehmen von der Steuerlast, vielleicht damit auch von einer sozialen Verantwortung, befreit.

Außer dem ließe sich das Modell wohl nur europaweit einführen. Und zuletzt noch ein Argument, dass schon Andreas Molitor in der Berliner Zeitung formuliert hat: "Dass jemand wie Werner einen sehr viel kleineren Teil seines Einkommens konsumiert (und damit versteuert) als jemand, der nur sein Grundeinkommen hat, müsste in diesem Zusammenhang erwähnt werden." Doch solche Kritik prallt an Werner ab. Er ist ein Weltverbesserer und fängt schon mal im Kleinen damit an.In seiner Firma, die hierzulande 869 Filialen und 16.000 Mitarbeiter beschäftigt, werden die Angestellten nicht nur beruflich, sondern auch persönlich gefördert. Selbstverantwortliches Handeln und Vertrauen stehen im Vordergrund. Lehrlinge werden zu einem Theaterworkshop geschickt und Führungskräfte müssen, wenn sie neu im Unternehmen sind, erst einmal Regale auffüllen und an der Kasse sitzen. Dahinter steht die Idee, dass man dann die Leistungen der Angestellten bemessen könne.

Vita: 25.000 Mitarbeiter und sieben Kinder
Götz Werner wurde 1944 in Heidelberg geboren. Nach der mittleren Reife geht er in die Lehre bei einem Drogisten. Im Anschluss arbeitet er fünf Jahre lang bei einem Drogerieunternehmen in Karlsruhe. Als sein Arbeitgeber ein von ihm entwickeltes Vertriebskonzept ablehnt, macht sich Werner 1973 selbstständig und gründet seinen ersten Drogeriemarkt mit dem Namen "dm". Werner ist in dem Unternehmen, das heute europaweit rund 25.000 Mitarbeiter beschäftigt, geschäftsführender Gesellschafter. Er ist zum zweiten Mal verheiratet und Vater von sieben Kindern.

Eine Hörfunkfassung der „Bühler Begegnung“ mit Götz Werner wird am Sonntag, 17. Juni 2007, 23.03 Uhr, in SWR2 ausgestrahlt

Literatur:
Götz W. Werner: Einkommen für alle. Der dm-Chef über die Machbarkeit des bedingungslosen Grundeinkommens.
Kiepenheuer & Witsch 2007, ISBN 978-3-462-03775-3, 19.90 EUR

Götz W. Werner: Wirtschaft - das Füreinander-Leisten.
Universitätsverlag Karlsruhe 2004, ISBN: 393730035X, Preis: 9,80 €


Montag, 11. Juni 2007, 22.25 Uhr

Hörfunk: 17. Juni 2007, 23.03 Uhr in SWR2


Vernetzte Nomaden. Die Zukunft unserer Arbeit (2007)
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Götz Werner im SWR2-Interview: Von der Wiege bis zur Bahre versorgt (1:51 min)
Götz Werner im SWR2-Interview: Bestimmte Tätigkeiten müssten ganz anders bezahlt werden (1:40 min)


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Nachtkultur im März 2007: "Einkommen für alle" [SWR]
Neues Buch von Götz Werner: "Einkommen für alle"Geld für alle ohne Arbeitszwang [SWR]
Thadeusz: Der Chef der Drogeriekette "dm" Prof. Götz W. Werner [rbb]
Berliner Zeitung: Der Mutmacher: Götz Werner ist (...) ein ungewöhnlicher Unternehmer. Weil er seinen Angestellten viel zutraut.
Götz Werners Portal für eine Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens

06.06.2007 / SWR/SRR
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