Peter Voß im Gespräch mit Gerhard Schröder
Bühler Begegnungen extra
Gerhard Schröder  © dpa
Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder ist jemand, der zu überzeugen vermag aber auch ein Pragmatiker, der seine Fehler zugeben, seine Position überdenken und ändern kann. Trotz der ihm zugeschriebenen "Medialität" ist er als Mensch glaubwürdig geblieben. Gerne und oft erzählt er die Geschichte seiner Herkunft, um Forderungen nach Chancengleichheit und sozialem Ausgleich Nachdruck zu verleihen: Schröder entstammt einer sozialen Schicht, die heute Prekariat genannt werden könnte. Sein Vater Fritz Schröder war Hilfsarbeiter auf Jahrmärkten.
Welche Gründe hat seine "ziemlich erstaunliche Karriere"?
Seinen Vater lernte Gerhard Schröder nie kennen. Der Obergefreite Fritz Schröder war 1944 gerade 32 Jahre alt, als er - wenige Monate nach der Geburt seines Sohnes - in Rumänien fiel. Nur durch einen Brief von seiner Frau Erika erfuhr er von der Geburt. Die liebevolle Mutter, Schröder nennt sie gerne "die Löwin", boxte sich und ihre Kinder durchs Leben. Gerhard schloss eine Lehre ab, machte auf dem zweiten Bildungsweg Abitur und - finanziert durch Stipendien - die juristischen Staatsexamen.

In seiner Ende Oktober 2006 unter dem Titel "Entscheidungen - Mein Leben in der Politik" erschienen Autobiografie mutmaßt Schröder selbst, dass ihn diese Erfahrung der Vaterlosigkeit - aber auch die soziale Ausgrenzung geprägt habe: "Beim Nachsinnen über meine Kindheit und Familie frage ich mich hin und wieder, welche Gründe und Hintergründe meine ziemlich erstaunliche Karriere in meiner eigenen Herkunft hat." Schröder erzählt von seiner "ärmlichen aber glücklichen" Kindheit. Ehemalige Gegner des Ex-Kanzlers sehen in der Vaterlosigkeit eine Erklärung für seine Durchsetzungskraft, seinen Machtwillen aber auch für das Unstete in seiner Politik. Der Journalist Wolfgang Büscher schrieb dazu: "Da ist keine Macht der Prägung und keine Rebellion. Gegen wen soll denn ein Muttersohn rebellieren - gegen die arme, tapfere Frau, die ihn durchbringt, so gut sie kann?" Schröder wollte "nicht die Welt verändern, sondern nur die Stellung in ihr".

Gerhard Schröder polarisiert
Schröder im Wahlkampf in Belgrad
Gerhard Schröder polarisiert, auch eineinhalb Jahre nach seinem Abgang immer noch - das zeigten die Reaktionen auf seine Autobiografie: Die einen bewundern die Lebensleistungen des heute 62-Jährigen. Parteigenossen und Freunde loben den versöhnlichen Ton, den er gegenüber seinen Widersachen walten lässt, und freuen sich über eine gelungene Zusammenfassung der Ära Schröder. Die anderen bemängeln die Selbstbeweihräucherung, die der Kanzler der "wenigen Reformen" vorlege. Die Kritik in den Zeitungen und Fernsehsendungen fiel insgesamt eher verhalten aus. "Dienstmädchenprosa" urteilt Thea Dorn, "Der Kanzler schreibt gerne lau" meint die NZZ und die konservativen Blätter wie die Welt und FAZ verrissen die Biografie erwartungsgemäß.

Sollte man den Erfolg eines Buches anhand seiner Auflage messen, dann sind die Memoiren von Schröder sehr erfolgreich. Das Ende Oktober 2006 erschienene Buch hatte wochenlang die ersten Plätze in den Bestsellerlisten inne, geht inzwischen in die fünfte Auflage und wurde 220.000 Mal gedruckt. Damit hat Schröder die Autobiografien seiner Vorgänger, Willy Brandt und Helmut Kohl, deutlich überboten.

Was bleibt? Agenda 2010, Hartz und Kosovo?
Die "Entscheidungen" sind keine ausgefeilte Prosa. Doch das muss eine Kanzlerbiografie auch nicht sein. Alle Biografien von Bundeskanzlern, die heute in den gutbürgerlichen Bibliotheken verstauben, sind eher langatmig, hölzern geschrieben und oft rechthaberisch. So gesehen ist der etwas schnodderige Erzählstil von Schröder und Co-Autor Uwe-Karsten Heye fast erfrischend. Fragt man sich, was man von einer Kanzlerbiografie erwarten darf und was Schröders Werk auszeichnet, so stimmt das noch versöhnlicher. Schröder resümiert subjektiv die einzelnen Stationen seines Werdegangs und seiner Kanzlerschaft, erklärt seine Position im Kosovokrieg, widmet sich den harten innenpolitischen Auseinandersetzungen um die "Agenda 2010" und Hartz-Gesetze. Die durchschnittlich interessierte Leserschaft bekommt auf eine lesenswerte Art Anekdoten erzählt, Details berichtet und Zusammenhänge vom Exkanzler erklärt. Das ist spannend. Sollte man jedoch, wie die meisten Rezensenten in den Zeitungen, über ein enzyklopädisches politisches Expertenwissen verfügen, oder die Politik Schröders nicht ausstehen können, dann wird das Buch langweilen oder verärgern.
Die Schatten der Vergangenheit
In der Biografie taucht, ohne dass er explizit genannt wird, immer wieder der "Schatten" des Obergefreiten Fritz Schröder auf, sei es bei der Gedenkfeier der Landung der Alliierten in der Normandie oder sei es beim Besuch Polens und des Warschauer Gettos. Während seiner Amtszeit stand ein Bild seines Vaters in Wehrmachtsuniform und Stahlhelm auf dem Schreibtisch im Kanzleramt. Schröder definierte mit diesem Bild auf dem Schreibtisch eine neue Rolle für Deutschland in der Weltpolitik. Unter dem Endruck der - erstmals von einem Bundeskanzler klar artikulierten - Verbrechen der Vätergeneration, dachte er über eine Beteiligung am Kosovokrieg nach. In seiner Biografie schildert Schröder, wie er am Rande eines Staatsbesuchs 2004 in Rumänien das erste Mal das Grab seines Vaters besucht. Bewegt spricht er danach aus, was für fast ein Drittel der Kinder, die zwischen 1933 und 1945 geboren wurden, gilt: "Ich habe ihn nie kennenlernen dürfen."

Sehen Sie am Montag, 12. März 2007 von 22.25 Uhr an eine "Bühler Begegnungen extra" aus Berlin. Peter Voß spricht in der Sendung aus dem ARD Hauptstadtstudio in Berlin mit dem ehemaligen Bundeskanzler über die vaterlose Kindheit. Eine Hörfunkfassung wird am Sonntag, 18. März 2007, 23.03 Uhr, in SWR2 ausgestrahlt

Zum Thema der vaterlosen Generation nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt 3sat am 20. Mai 2007, 21.15 Uhr, die Dokumentation "Söhne ohne Väter" in Erstausstrahlung.


Montag, 12. März 2007, 22.25 Uhr

Ausschitt aus dem Gespräch - über ein "Vaterland ohne Väter" (3'15 Minuten)
Das Kulturzeit-Gespräch mit Thea Dorn, Schriftstellerin (24.10.2006)



"Söhne ohne Väter" - zur Übersicht

Ein Ex-Kanzler rechnet ab - Gerhard Schröders Biographie "Entscheidungen"
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06.03.2007 / SWR/ SRR
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