Peter Voß im Gespräch mit Michael Stürmer
"Wieviel Ordnung braucht die Welt, Herr Stürmer?"
Prof. Michael Stürmer, Historiker und Publizist  © dpa
Entropie und Ordnung suchen nach einem Gleichgewicht. Entropie ist (umgangssprachlich) die Kraft, die zur Unordnung, zum Chaos strebt. In der Chemie bedarf es meist Energie, um georderte Strukturen herzustellen - in der Politik verhält es sich ähnlich. Der Historiker Michael Stürmer hat ein Buch vorgelegt, in dem er sich mit der Weltordnung, bzw. mit deren Abwesenheit beschäftigt. Der Titel des Buches "Welt ohne Weltordnung" nimmt das Ergebnis seiner Analyse schon vorweg. Auch die Welt der internationalen Beziehungen scheint automatisch zum Chaos, zur Unordnung zu streben.
Das Ende der Geschichte und das Ende der Ordnung
Es bedarf einer großen Kraft, eine Ordnung aufrecht zu halten und Strukturen zu schaffen. Doch nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes, der die Welt stark gegliedert hat, ist keine neue Ordnung an dessen Stelle getreten. So brechen an allen Ecken und Enden bewaffnete Konflikte auf.

Was ist schief gelaufen? Haben sich die Staaten nicht genug angestrengt, nicht genug Energie in eine neue Ordnung investiert? Dabei sah 1990 alles so gut aus: Francis Fukuyama rief das "Ende der Geschichte" aus. Der Politikwissenschaftler wollte mit dem plakativen Satz verdeutlichen: In einer Welt, in der sich Demokratie, Marktwirtschaft und egalitäre Freiheitsrechte durchgesetzt hätten, müsse es keine Konflikte mehr geben, da keine Gegensätze mehr vorhanden seien. In diese allgemeine "alles wird gut"-Stimmung schwenkte sogar der neugewählte amerikanische Präsident George Bush senior 1990 ein. Als er eine "Neue Weltordnung" proklamierte, wusste noch niemand, wie grandios diese scheitern würde. Hinter der "Neue Weltordnung" verbarg sich die progressive Idee, dass supranationale Organisationen, allen voran die Vereinten Nationen, für weltweiten Frieden sorgen werden. Sie würden Methoden entwickeln, mit denen aufkommende Konflikte friedlich zu lösen seien. Der weltweite Handel steigere überall die wirtschaftliche Wohlfahrt und Hand in Hand mit dem Wohlstand breite sich auch die Demokratie aus, so die Idee.

Stagnation, Regression und Gewalt
Doch sechzehn Jahre später wissen wir, die Welt ist nicht besser geworden, die Demokratie stagniert bestenfalls, der weltweite Wohlstand ist nicht gestiegen und die Konflikte werden mit Bomben ausgetragen, nicht mit Worten. Die Welt befindet sich in einer neuen Unordnung und es scheint, als habe der 11. September 2001 sie dorthin geführt. Doch das täuscht. Stürmer gliedert seine Analyse in drei Teile: Im Ersten legt er dar, wie sich das Ende des Sozialismus anbahnte. Auf eine fundierte Wissensbasis, manchmal jedoch etwas zu monokausal, beschreibt er den Kalten Krieg und dessen Ende. Stürmer vertritt zum Beispiel die These, für den Zusammenbruch sei auch die im Westen fortschrittlichere Informationstechnologie verantwortlich. Bei dieser hätten die Sowjets nicht mehr mithalten können - auch weil dazu eine "demokratische" Forschungsumgebung notwendig sei. Eine nicht neue, unter den Wissenschaftlern aber umstrittene These, die auf den Soziologen Manuell Castells zurückgeht. Sechs Seiten, in denen Stürmer versucht, diese These zu unterfüttern, sind dafür allerdings zu wenig.
Stürmer ist durch und durch politischer Realist
Im zweiten Teil des Buches beschäftigt sich Stürmer mit den alten neuen Gravitationszentren der Weltpolitik. Der langjährige Chefkorrespondent der Welt beschreibt fundiert und doch unterhaltsam, fast anekdotisch die Historie sowie die Ziele und Interessen der USA, Russlands, Europas und Chinas. Hier spürt man den gewieften Autor und politischen Realisten Stürmer, der es schafft, komplexe Sachverhalte prägnant darzustellen.

Im dritten Teil versucht Stürmer die Regionen, die Unordnung geraten sind und die Faktoren, die große Asymmetrien verursachen, aufzuzeigen: An erster Stelle steht hierbei der "islamische Krisenbogen", eng verknüpft mit dem zweiten Kapitel, dem Öl und dem Dritten, dem Terror. Im letzten Kapitel dieses Abschnitts ist das große apokalyptische Thema Atombombe und Proliferation, also Weitergaben des Wissens und des Materials zum Bau der Bombe, das Thema. Folgerichtig konzentriert sich Stürmer auf die Schurkenstaaten Iran und Nordkorea als größte Risikofaktoren für einen Nuklearkrieg.

Aber auch Israel, Indien und Pakistan liegen nicht in stabilen geopolitischen Regionen und könnten in existenzieller Bedrohung mit einem Atomschlag reagieren - so die Implikation jedes Kernwaffenbesitzes. Auch sieht der Autor das Ende der jahrzehntelangen Nonproliferation für gekommen. Atomare Macht stehe für viele Staaten wieder auf Platz eins der rüstungspolitischen Ziele.

Nach den Bedrohungslagen, die ausführlich geschildert wurden, fällt das Fazit düster aus: Die Herausforderungen auf dieser Welt sind mit dem Instrumentarium der innerstaatlichen und zwischenstaatlichen Politik kaum mehr lösbar. Sie rühren an die zivilisatorische Belastbarkeit und das Selbstbewusstsein des Westens. Die Massenvernichtungswaffen, der islamistische Terrorismus und sogenannte Chaosstaaten sind immun gegen Abschreckung. Sie haben nichts zu verlieren, sie müssen kein Volk schützen, keine Ordnung bewahren.

Vielen Rezensenten ist vor allem der Schussteil "zu apokalyptisch" geraten. Diese Einschätzung verkennt allerdings, dass Stürmer vor allem deskriptiv arbeitet und keine Lösungsansätze bietet: Die ordnende Kraft der bipolaren Welt ist verschwunden. Die Sowjetunion hat ein Machtvakuum hinterlassen und die Nachfolger stehen in den Startlöchern, dieses neu zu füllen. Die machtpolitischen Karten werden neu gemischt - oder sagen wir es mit einem Verweis auf die Chemie: Wir befinden uns inmitten eines Reaktionsprozesses. Ein stabiler Gleichgewichtszustand der Stoffe ist noch nicht erreicht. Noch verläuft die Reaktion langsam, doch nur ein kleiner Funken würde genügen, dass es zu einer Explosion kommt.


Montag, 4. Dezember 2006, 22.25 Uhr

Michael Stürmer - Deutschland ein geschichtsloses Land - "20 Jahre Historikerstreit"
"Warum lernen wir nichts aus der Geschichte, Herr Stürmer?" Bühler Begegnungen vom 3. Juni 2003

Wer sind wir? "Du bist Deutschland" ? Von Michael Stürmer
Atomwaffen und die neue Weltordnung. Von Michael Stürmer

28.11.2006 / SWR/ SRR
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