Philipp Winkler

Geboren 1986 in Neustadt am Rübenberge (Niedersachsen).
Philipp Winkler, der in Hagenburg in der Nähe von Hannover aufgewachsen ist, studierte Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim. Nach Auslandsaufenthalten im Kosovo, in Albanien, Serbien und in Japan und diversen Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften ist im September 2016 sein erster Roman „Hool“ im Berliner Aufbau Verlag erschienen. Das Buch schaffte es auf Anhieb auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Philipp Winkler lebt in Leipzig.

Blick ins Werk

Ich wärme meinen neuen Zahnschutz in der Hand an. Wende ihn mit den Fingern und presse ihn etwas zusammen. So mache ich es vor jedem Kampf. Das Gelmaterial bleibt stabil, gibt nur wenig nach. Das ist ein Top-Ding. Was Besseres kann man nicht bekommen. Individuell vom Zahntechniker hergestellt. Keines dieser Billoteile aus Massenproduktion, die man nach zwei Wochen gleich wieder in die Tonne kloppen kann, weil dir die Kanten ins Zahnfleisch schneiden. Oder weil man wegen der beschissenen Passform und dem chemischen Kunststoffgeruch andauernd einen Würgreiz kriegt. Bis auf Jojo mit seinem mageren  Hausmeistergehalt haben wir inzwischen fast alle so einen Zahnschutz. Kai, der immer den feinsten Shit haben muss. Ulf. Der kann das mal locker aus der Portokasse zahlen. Tomek, Töller. Und einige unserer Jungs, die entsprechende Jobs haben. Onkel Axel sowieso. Der hat den Zahntechniker vor ein paar Jahren aufgetan. Hat sich auf Kontaktsportarten spezialisiert und versorgt Kampfsportler in ganz Deutschland. Wie man hört, sollen auch welche von den Frankfurtern zu dem gehen und einige Jungs aus dem Osten. Aus Dresden und Halle, die Zwickauer. Müssen bestimmt ihren Monatssatz Hartz IV dafür hinblättern, denke ich und fahre die durchgestanzten Atemlöcher mit der Fingerspitze ab.
„Ey, Heiko!“ Kai stößt mich in die Seite. „Handy klingelt.“ Das Discounterhandy brummt zwischen uns auf dem Sitz. Mit zittrigen Fingern greife ich danach. Mein Onkel beobachtet mich im Seitenspiegel. Ich drücke auf die Taste mit dem grünen Hörer.
„Wo seid ihr? Wir warten“, kommt die Stimme von dem Kölner, mit dem ich das Match vereinbart habe, aus der Muschel. Ich kurble die Scheibe runter, um besser rausschauen zu können, suche nach irgendwelchen Anhaltspunkten.
„Sind bei Olpe von der B 55 ab. Müssten gleich da sein.“
„In der Wüste lang. Zweiten Kreisel rechts raus. Am Bratzkopf durch bis kurz hinterm Ortsausgang. Links kommt der Wald. Könnt ihr nich’ verfehlen.“
Bevor er auflegt, erinnere ich ihn noch mal an die Abmachung. Fünfzehn Mann auf jeder Seite. Dann lege ich auf.

(Leseprobe aus Philipp Winklers Roman „Hool“ - © Aufbau Verlag, Berlin)

Bücher

Hool
Roman, Berlin: Aufbau Verlag 2016

Auszeichnungen

 

2015
Stipendium der „Werkstatt für junge Literatur“ Graz
Retzhof-Preis für junge Literatur des Literaturhauses Graz

2016
Stipendiat im Künstlerdorf Schöppingen
Shortlist-Nominierung für den Deutschen Buchpreis

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Fotograf: Uwe Frauendorf (Leipzig)

  • Philipp Winkler

    Geboren 1986 in Neustadt am Rübenberge (Niedersachsen).
    Philipp Winkler, der in Hagenburg in der Nähe von Hannover aufgewachsen ist, studierte Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim. Nach Auslandsaufenthalten im Kosovo, in Albanien, Serbien und in Japan und diversen Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften ist im September 2016 sein erster Roman „Hool“ im Berliner Aufbau Verlag erschienen. Das Buch schaffte es auf Anhieb auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Philipp Winkler lebt in Leipzig.

  • Blick ins Werk

    Ich wärme meinen neuen Zahnschutz in der Hand an. Wende ihn mit den Fingern und presse ihn etwas zusammen. So mache ich es vor jedem Kampf. Das Gelmaterial bleibt stabil, gibt nur wenig nach. Das ist ein Top-Ding. Was Besseres kann man nicht bekommen. Individuell vom Zahntechniker hergestellt. Keines dieser Billoteile aus Massenproduktion, die man nach zwei Wochen gleich wieder in die Tonne kloppen kann, weil dir die Kanten ins Zahnfleisch schneiden. Oder weil man wegen der beschissenen Passform und dem chemischen Kunststoffgeruch andauernd einen Würgreiz kriegt. Bis auf Jojo mit seinem mageren  Hausmeistergehalt haben wir inzwischen fast alle so einen Zahnschutz. Kai, der immer den feinsten Shit haben muss. Ulf. Der kann das mal locker aus der Portokasse zahlen. Tomek, Töller. Und einige unserer Jungs, die entsprechende Jobs haben. Onkel Axel sowieso. Der hat den Zahntechniker vor ein paar Jahren aufgetan. Hat sich auf Kontaktsportarten spezialisiert und versorgt Kampfsportler in ganz Deutschland. Wie man hört, sollen auch welche von den Frankfurtern zu dem gehen und einige Jungs aus dem Osten. Aus Dresden und Halle, die Zwickauer. Müssen bestimmt ihren Monatssatz Hartz IV dafür hinblättern, denke ich und fahre die durchgestanzten Atemlöcher mit der Fingerspitze ab.
    „Ey, Heiko!“ Kai stößt mich in die Seite. „Handy klingelt.“ Das Discounterhandy brummt zwischen uns auf dem Sitz. Mit zittrigen Fingern greife ich danach. Mein Onkel beobachtet mich im Seitenspiegel. Ich drücke auf die Taste mit dem grünen Hörer.
    „Wo seid ihr? Wir warten“, kommt die Stimme von dem Kölner, mit dem ich das Match vereinbart habe, aus der Muschel. Ich kurble die Scheibe runter, um besser rausschauen zu können, suche nach irgendwelchen Anhaltspunkten.
    „Sind bei Olpe von der B 55 ab. Müssten gleich da sein.“
    „In der Wüste lang. Zweiten Kreisel rechts raus. Am Bratzkopf durch bis kurz hinterm Ortsausgang. Links kommt der Wald. Könnt ihr nich’ verfehlen.“
    Bevor er auflegt, erinnere ich ihn noch mal an die Abmachung. Fünfzehn Mann auf jeder Seite. Dann lege ich auf.

    (Leseprobe aus Philipp Winklers Roman „Hool“ - © Aufbau Verlag, Berlin)

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    Eine Auswahl

    Hool
    Roman, Berlin: Aufbau Verlag 2016

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    2015
    Stipendium der „Werkstatt für junge Literatur“ Graz
    Retzhof-Preis für junge Literatur des Literaturhauses Graz

    2016
    Stipendiat im Künstlerdorf Schöppingen
    Shortlist-Nominierung für den Deutschen Buchpreis