Sibylle Lewitscharoff

Geboren 1954 in Stuttgart.
Sibylle Lewitscharoff studierte nach dem Abitur Religionswissenschaft an der Freien Universität Berlin. Nach längeren Aufenthalten in Paris und Buenos Aires und dem Abschluss des Studiums arbeitete sie bis Anfang der 2000er-Jahre als Buchhalterin in einer Berliner Werbeagentur. Ihr erster Roman „36 Gerechte“ erschien 1994 in einem kleinen Münsteraner Verlag. Für Ausschnitte aus ihrem zweiten Roman „Pong“ erhielt Sibylle Lewitscharoff 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Auch die nachfolgenden Prosawerke wurden vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Preis der Leipziger Buchmesse (2009), dem Kleist-Preis (2011) und im Jahr 2013 mit dem Georg-Büchner-Preis. 2011 übernahm sie die Frankfurter Poetikdozentur. Ihr bisher einziges Bühnenwerk „Vor dem Gericht“ wurde im Mai 2012 am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt. Sibylle Lewitscharoff ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Berliner Akademie der Künste. Sie lebt in Berlin.

Blick ins Werk

Nein. In meinen Kindertagen ja, seither nein. Dieses Nein will betont sein, denn es bedeutet etwas, es bedeutet sogar viel. In meinen Kindertagen war ich fromm, faltete die Händchen beim Zubettgehen, wie meine Mutter es von mir wollte, und hängte die Kleider ordentlich über die Stuhllehne, weil Jesus nachts kam und schaute, ob alles in schöner Ordnung am rechten Platz lag. Dann, in der Pubertät, setzte der große Kritikschub ein, und mit der Frömmigkeit war’s mit einem Mal vorbei.
Ist es etwa gerecht, daß an so vielen Orten der Welt die Menschen auf übelste Weise verrecken, daß sie verhungern, vergast, erschossen, erschlagen, aufgeschlitzt oder gefoltert werden bis zum Wahnsinn, daß sie ohne ärztliche Hilfe den schlimmsten Krankheiten ausgeliefert sind? Und Gott schaut einfach zu? Von Seinem Eingreifen ist jedenfalls nichts bekannt. Und eine mehr als vage Hoffnung auf ein Paradies, in dem alle Schmerzen abgetan sind und die gereinigten Seelen sich des ewigen Lebens erfreuen – kann ein erwachsener Mensch, der seine Tassen im Schrank hat, das wirklich ernst nehmen? Einen derart verzweifelt naiven Trostwunsch?
Meine Kinderseele war immer gerecht gewesen, und das Gerechtigkeitsgefühl, der Zorn über die katastrophalen Zustände in den armen Ländern der Welt, hat mich nie verlassen. Allerdings ist in meinem späteren Erwachsenenleben der Zorn einer schlappen Mutlosigkeit gewichen. Der Schnarchsack da oben senkt auch bloß die Lider.

(Leseprobe aus dem Roman „Das Pfingstwunder“ - © Suhrkamp Verlag, Berlin)

Bücher

 

36 Gerechte
Roman, Münster: Verlag Galerie Steinrötter 1994

Pong
Erzählung, Berlin: Berlin Verlag 1998

Montgomery
Roman, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 2003

Consummatus
Roman, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 2006

Apostoloff
Roman, Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2009

Vom Guten, Wahren und Schönen
Frankfurter und Zürcher Poetikvorlesungen
Berlin: Suhrkamp Verlag 2012

Killmousky
Roman, Berlin: Suhrkamp Verlag 2014

Das Pfingstwunder
Roman, Berlin: Suhrkamp Verlag 2016

Auszeichnungen

 

1998
Ingeborg-Bachmann-Preis

2006
Kranichsteiner Literaturpreis des Deutschen Literaturfonds Darmstadt

2008
Marie-Luise-Kaschnitz-Preis der Evangelischen Akademie Tutzing

2009
Preis der Leipziger Buchmesse

2010
Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung

2011
Kleist-Preis
Marieluise-Fleißer-Preis der Stadt Ingolstadt
Wilhelm-Raabe-Literaturpreis

2013
Villa-Massimo-Stipendium Rom
Georg-Büchner-Preis

oben

Fotograf: Uwe Frauendorf (Leipzig)

  • Sibylle Lewitscharoff

    Geboren 1954 in Stuttgart.
    Sibylle Lewitscharoff studierte nach dem Abitur Religionswissenschaft an der Freien Universität Berlin. Nach längeren Aufenthalten in Paris und Buenos Aires und dem Abschluss des Studiums arbeitete sie bis Anfang der 2000er-Jahre als Buchhalterin in einer Berliner Werbeagentur. Ihr erster Roman „36 Gerechte“ erschien 1994 in einem kleinen Münsteraner Verlag. Für Ausschnitte aus ihrem zweiten Roman „Pong“ erhielt Sibylle Lewitscharoff 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Auch die nachfolgenden Prosawerke wurden vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Preis der Leipziger Buchmesse (2009), dem Kleist-Preis (2011) und im Jahr 2013 mit dem Georg-Büchner-Preis. 2011 übernahm sie die Frankfurter Poetikdozentur. Ihr bisher einziges Bühnenwerk „Vor dem Gericht“ wurde im Mai 2012 am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt. Sibylle Lewitscharoff ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Berliner Akademie der Künste. Sie lebt in Berlin.

  • Blick ins Werk

    Nein. In meinen Kindertagen ja, seither nein. Dieses Nein will betont sein, denn es bedeutet etwas, es bedeutet sogar viel. In meinen Kindertagen war ich fromm, faltete die Händchen beim Zubettgehen, wie meine Mutter es von mir wollte, und hängte die Kleider ordentlich über die Stuhllehne, weil Jesus nachts kam und schaute, ob alles in schöner Ordnung am rechten Platz lag. Dann, in der Pubertät, setzte der große Kritikschub ein, und mit der Frömmigkeit war’s mit einem Mal vorbei.
    Ist es etwa gerecht, daß an so vielen Orten der Welt die Menschen auf übelste Weise verrecken, daß sie verhungern, vergast, erschossen, erschlagen, aufgeschlitzt oder gefoltert werden bis zum Wahnsinn, daß sie ohne ärztliche Hilfe den schlimmsten Krankheiten ausgeliefert sind? Und Gott schaut einfach zu? Von Seinem Eingreifen ist jedenfalls nichts bekannt. Und eine mehr als vage Hoffnung auf ein Paradies, in dem alle Schmerzen abgetan sind und die gereinigten Seelen sich des ewigen Lebens erfreuen – kann ein erwachsener Mensch, der seine Tassen im Schrank hat, das wirklich ernst nehmen? Einen derart verzweifelt naiven Trostwunsch?
    Meine Kinderseele war immer gerecht gewesen, und das Gerechtigkeitsgefühl, der Zorn über die katastrophalen Zustände in den armen Ländern der Welt, hat mich nie verlassen. Allerdings ist in meinem späteren Erwachsenenleben der Zorn einer schlappen Mutlosigkeit gewichen. Der Schnarchsack da oben senkt auch bloß die Lider.

    (Leseprobe aus dem Roman „Das Pfingstwunder“ - © Suhrkamp Verlag, Berlin)

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  • Bücher

    Eine Auswahl

     

    36 Gerechte
    Roman, Münster: Verlag Galerie Steinrötter 1994

    Pong
    Erzählung, Berlin: Berlin Verlag 1998

    Montgomery
    Roman, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 2003

    Consummatus
    Roman, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 2006

    Apostoloff
    Roman, Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2009

    Vom Guten, Wahren und Schönen
    Frankfurter und Zürcher Poetikvorlesungen
    Berlin: Suhrkamp Verlag 2012

    Killmousky
    Roman, Berlin: Suhrkamp Verlag 2014

    Das Pfingstwunder
    Roman, Berlin: Suhrkamp Verlag 2016

  • Auszeichnungen

    Eine Auswahl

     

    1998
    Ingeborg-Bachmann-Preis

    2006
    Kranichsteiner Literaturpreis des Deutschen Literaturfonds Darmstadt

    2008
    Marie-Luise-Kaschnitz-Preis der Evangelischen Akademie Tutzing

    2009
    Preis der Leipziger Buchmesse

    2010
    Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung

    2011
    Kleist-Preis
    Marieluise-Fleißer-Preis der Stadt Ingolstadt
    Wilhelm-Raabe-Literaturpreis

    2013
    Villa-Massimo-Stipendium Rom
    Georg-Büchner-Preis