Katja Lange-Müller

Geboren 1951 in Berlin (Ost).
Nach einer Schriftsetzerlehre arbeitete Katja Lange-Müller zunächst in einer Druckerei und als Bildredakteurin bei der „Berliner Zeitung“, anschließend mehrere Jahre lang als Pflegehilfskraft in der Psychiatrie, u.a. in der Berliner Charité. 1979 nahm sie ein Studium am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ in Leipzig auf, das sie 1982 abschloss. Nach einem einjährigen Studienaufenthalt in der Mongolischen Volksrepublik und einer anschließenden Lektoratstätigkeit im Altberliner Verlag siedelte sie Ende 1984 nach West-Berlin über. Zwei Jahre später erschien Katja Lange-Müllers erstes Buch, der Prosaband „Wehleid – wie im Leben“ bei S. Fischer. Im gleichen Jahr gewann sie in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis. Es folgten zahlreiche weitere Romane und Erzählbände, die vielfach ausgezeichnet wurden, u.a. mit dem von Günter Grass gestifteten Alfred-Döblin-Preis (1995), dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis (2008) und dem Kleist-Preis (2013). Im Sommersemester 2016 hatte sie die Gastdozentur für Poetik an der Frankfurter Goethe-Universität inne. Katja Lange-Müller ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt) und der Akademie der Künste (Berlin).
Sie lebt in Berlin und in der Schweiz.

Blick ins Werk

Blitzgewitter, denkt Asta, das Wort ist mir lange nicht mehr, jetzt aber tatsächlich blitzartig eingefallen. Artiger Blitz? Bullshit. Also: Unter einem Blitzgewitter versteht man ein jäh einsetzendes, heftiges Gewitter, das ebenso plötzlich aufhört. – Aufhören, wieder so ein Wort, das Asta irritiert, sie stört in ihrem Bemühen, sich daran zu erinnern, was ein Blitzgewitter eigentlich genau ausmacht. Aufhören, denkt sie, könnte ja wohl noch etwas anderes bedeuten; doch würde man dann nicht eher aufhorchen sagen, in meiner Muttersprache, die ich nicht vergessen, nur kaum gebraucht habe, während der letzten zwanzig, nein, zweiundzwanzig Jahre, die ich wo verbrachte? In der Fremde. In der Fremde? Ach, in all den Fremden. – Muttersprache, auch dies zusammengesetzte Substantiv tritt sogleich eine Assoziationslawine los. Das Hauptwort Mutter, eben noch ganz fern, kommt ihr unangenehm nahe. Haupt = Kopf, denkt sie; mein Kopf hat seinen eigenen Kopf, und der behauptet, er müsse sich Wörter fangen, deutsche Wörter jetzt. Aber ist es nicht vielmehr so, dass all diese deutschen Wörter bereits gefangen waren in meinem Trotzköpfchen, Kapitalverbrecher, schweigsame Knastgreise, die längst resigniert hatten; doch nun, da ich zurückgekehrt bin ins Land meiner Herkunft, rühren sie sich wieder. – Apropos Muttersprache, wie oder was hat Mutter eigentlich gesprochen? Dazu fällt ihr nichts ein, gar nichts, jedenfalls nicht im Moment.

(Leseprobe aus dem Roman „Drehtür“ - © Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln)

Bücher

 

Wehleid – wie im Leben
Erzählungen, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 1986 (= Collection S. Fischer.)

Kaspar Mauser - Die Feigheit vorm Freund
Erzählung, Köln: Kiepenheuer & Witsch Verlag 1988

Verfrühte Tierliebe
Roman, Köln: Kiepenheuer & Witsch Verlag 1995

Die Letzten. Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei
Roman, Köln: Kiepenheuer & Witsch Verlag 2000

Die Enten, die Frauen und die Wahrheit
Erzählungen, Köln: Kiepenheuer & Witsch Verlag 2003

Böse Schafe
Roman, Köln: Kiepenheuer & Witsch Verlag 2007

Drehtür
Roman, Köln: Kiepenheuer & Witsch Verlag 2016

Auszeichnungen

 

1986
Ingeborg-Bachmann-Preis

1995
Alfred-Döblin-Preis

1996
Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung

2002
Mainzer Stadtschreiberin

2005
Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor

2008
Preis der LiteraTour Nord
Wilhelm-Raabe-Literaturpreis

2012
Villa-Massimo-Stipendium (Rom)

2013
Kleist-Preis

oben

Fotograf: Uwe Frauendorf (Leipzig)

  • Katja Lange-Müller

    Geboren 1951 in Berlin (Ost).
    Nach einer Schriftsetzerlehre arbeitete Katja Lange-Müller zunächst in einer Druckerei und als Bildredakteurin bei der „Berliner Zeitung“, anschließend mehrere Jahre lang als Pflegehilfskraft in der Psychiatrie, u.a. in der Berliner Charité. 1979 nahm sie ein Studium am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ in Leipzig auf, das sie 1982 abschloss. Nach einem einjährigen Studienaufenthalt in der Mongolischen Volksrepublik und einer anschließenden Lektoratstätigkeit im Altberliner Verlag siedelte sie Ende 1984 nach West-Berlin über. Zwei Jahre später erschien Katja Lange-Müllers erstes Buch, der Prosaband „Wehleid – wie im Leben“ bei S. Fischer. Im gleichen Jahr gewann sie in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis. Es folgten zahlreiche weitere Romane und Erzählbände, die vielfach ausgezeichnet wurden, u.a. mit dem von Günter Grass gestifteten Alfred-Döblin-Preis (1995), dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis (2008) und dem Kleist-Preis (2013). Im Sommersemester 2016 hatte sie die Gastdozentur für Poetik an der Frankfurter Goethe-Universität inne. Katja Lange-Müller ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt) und der Akademie der Künste (Berlin).
    Sie lebt in Berlin und in der Schweiz.

  • Blick ins Werk

    Blitzgewitter, denkt Asta, das Wort ist mir lange nicht mehr, jetzt aber tatsächlich blitzartig eingefallen. Artiger Blitz? Bullshit. Also: Unter einem Blitzgewitter versteht man ein jäh einsetzendes, heftiges Gewitter, das ebenso plötzlich aufhört. – Aufhören, wieder so ein Wort, das Asta irritiert, sie stört in ihrem Bemühen, sich daran zu erinnern, was ein Blitzgewitter eigentlich genau ausmacht. Aufhören, denkt sie, könnte ja wohl noch etwas anderes bedeuten; doch würde man dann nicht eher aufhorchen sagen, in meiner Muttersprache, die ich nicht vergessen, nur kaum gebraucht habe, während der letzten zwanzig, nein, zweiundzwanzig Jahre, die ich wo verbrachte? In der Fremde. In der Fremde? Ach, in all den Fremden. – Muttersprache, auch dies zusammengesetzte Substantiv tritt sogleich eine Assoziationslawine los. Das Hauptwort Mutter, eben noch ganz fern, kommt ihr unangenehm nahe. Haupt = Kopf, denkt sie; mein Kopf hat seinen eigenen Kopf, und der behauptet, er müsse sich Wörter fangen, deutsche Wörter jetzt. Aber ist es nicht vielmehr so, dass all diese deutschen Wörter bereits gefangen waren in meinem Trotzköpfchen, Kapitalverbrecher, schweigsame Knastgreise, die längst resigniert hatten; doch nun, da ich zurückgekehrt bin ins Land meiner Herkunft, rühren sie sich wieder. – Apropos Muttersprache, wie oder was hat Mutter eigentlich gesprochen? Dazu fällt ihr nichts ein, gar nichts, jedenfalls nicht im Moment.

    (Leseprobe aus dem Roman „Drehtür“ - © Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln)

  • Mediathek

  • Bücher

    Eine Auswahl

     

    Wehleid – wie im Leben
    Erzählungen, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 1986 (= Collection S. Fischer.)

    Kaspar Mauser - Die Feigheit vorm Freund
    Erzählung, Köln: Kiepenheuer & Witsch Verlag 1988

    Verfrühte Tierliebe
    Roman, Köln: Kiepenheuer & Witsch Verlag 1995

    Die Letzten. Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei
    Roman, Köln: Kiepenheuer & Witsch Verlag 2000

    Die Enten, die Frauen und die Wahrheit
    Erzählungen, Köln: Kiepenheuer & Witsch Verlag 2003

    Böse Schafe
    Roman, Köln: Kiepenheuer & Witsch Verlag 2007

    Drehtür
    Roman, Köln: Kiepenheuer & Witsch Verlag 2016

  • Auszeichnungen

    Eine Auswahl

     

    1986
    Ingeborg-Bachmann-Preis

    1995
    Alfred-Döblin-Preis

    1996
    Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung

    2002
    Mainzer Stadtschreiberin

    2005
    Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor

    2008
    Preis der LiteraTour Nord
    Wilhelm-Raabe-Literaturpreis

    2012
    Villa-Massimo-Stipendium (Rom)

    2013
    Kleist-Preis