Thomas Glavinic

Geboren 1972 in Graz.
Thomas Glavinic, der zunächst als Bergbauer, Taxifahrer und Werbetexter tätig war, veröffentlichte 1998 seinen ersten Roman „Karl Haffners Liebe zum Unentschieden“ im Berliner Verlag Volk und Welt. Es folgten zahlreiche weitere Romane, die vielfach ausgezeichnet und inzwischen in annähernd zwanzig Sprachen übersetzt wurden.

Für sein Buch „Der Kameramörder“, das 2010 von Robert Adrian Pejo verfilmt wurde, erhielt er 2002 den begehrten Friedrich-Glauser-Preis, einen der wichtigsten Krimipreise im deutschsprachigen Raum. Sein Roman „Das bin doch ich“ schaffte es 2007 auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Thomas Glavinic lebt in Wien.

Blick ins Werk

Wien
Wer wir sind, wissen wir nicht. Beim letzten Durchzählen kam ich auf mindestens drei Personen, die jeder von uns ist. Erstens die, die er ist, zweitens die, die er zu sein glaubt, und drittens die, für die ihn die anderen halten sollen.
Als ich aufwache, geht es mir so elend, dass ich mit keinem der drei etwas zu tun haben will.
Ich bin zu Hause. Im Fernseher läuft das Neujahrskonzert. Ohne Ton. An der Wand hat sich jemand Notizen gemacht. Überall im Zimmer liegt Geschenkpapier. Neben mir liegt eine Frau. Ich kenne sie. Sie heißt Ina. Ich frage mich bloß, was sie da macht. Immerhin hebt und senkt sich ihr Brustkorb.
Ich versuche mich an den Sex zu erinnern. In meinem Gehirn, oder was ich dafür halte, finde ich keine Bilder davon. Vielleicht besser so.
Ich erlaube mir eine kurze Zimmerinspektion. Dem Zustand meiner Kleidung nach hatte ich eine verlustreiche Auseinandersetzung mit einem Autobus. Die Konföderiertenflagge in der Vase mit der undefinierbaren Flüssigkeit verbreitet eine gewisse Revolutionsstimmung, die mir unlieb ist. Aus den Notizen an der Wand werde ich erst recht nicht schlau, es geht um irgendeinen Bären und einen Peter. Die Schrift erinnert mich an meine.
Mir ist dieses Jahr schon jetzt nicht ganz geheuer.
Als ich meinen Körper nach Anzeichen von Gewalt absuchen will, läutet es an der Tür. Eine Sekunde Pause, dann wird wieder geläutet. Und das dritte Läuten hört gar nicht mehr auf. Es hört einfach nicht mehr auf. Es läutet. Es läutet. Es läutet. Es läutet. Es läutet. Es läutet.

(Leseprobe aus dem Roman „Der Jonas-Komplex“ - © S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main)

Bücher


Karl Haffners Liebe zum Unentschieden
Roman, Berlin: Verlag Volk und Welt 1998

 

Herr Susi
Roman, Berlin: Verlag Volk und Welt 2000

 

Der Kameramörder
Roman, Berlin: Verlag Volk und Welt 2001

 

Die Arbeit der Nacht
Roman, München: Carl Hanser Verlag 2006

 

Das bin doch ich
Roman, München: Carl Hanser Verlag 2007

 

Das Leben der Wünsche
Roman, München: Carl Hanser Verlag 2009

 

Lisa
Roman, München: Carl Hanser Verlag 2011

 

Das größere Wunder
Roman, München: Carl Hanser Verlag 2013

 

Meine Schreibmaschine und ich
Poetikvorlesung, München: Carl Hanser Verlag 2014 (=Edition Akzente)

 

Der Jonas-Komplex
Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2016

Auszeichnungen

 

2001

Projektstipendium des Österreichischen Bundeskanzleramts


2002

Österreichisches Staatsstipendium für Literatur

Friedrich-Glauser-Preis


2007

Finalist beim Deutschen Buchpreis (Shortlist)

Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar


2009

Longlist-Nominierung zum Deutschen Buchpreis


2010

Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft

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Fotograf: Uwe Frauendorf (Leipzig)

  • Thomas Glavinic

    Geboren 1972 in Graz.
    Thomas Glavinic, der zunächst als Bergbauer, Taxifahrer und Werbetexter tätig war, veröffentlichte 1998 seinen ersten Roman „Karl Haffners Liebe zum Unentschieden“ im Berliner Verlag Volk und Welt. Es folgten zahlreiche weitere Romane, die vielfach ausgezeichnet und inzwischen in annähernd zwanzig Sprachen übersetzt wurden.

    Für sein Buch „Der Kameramörder“, das 2010 von Robert Adrian Pejo verfilmt wurde, erhielt er 2002 den begehrten Friedrich-Glauser-Preis, einen der wichtigsten Krimipreise im deutschsprachigen Raum. Sein Roman „Das bin doch ich“ schaffte es 2007 auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

    Thomas Glavinic lebt in Wien.

  • Blick ins Werk

    Wien
    Wer wir sind, wissen wir nicht. Beim letzten Durchzählen kam ich auf mindestens drei Personen, die jeder von uns ist. Erstens die, die er ist, zweitens die, die er zu sein glaubt, und drittens die, für die ihn die anderen halten sollen.
    Als ich aufwache, geht es mir so elend, dass ich mit keinem der drei etwas zu tun haben will.
    Ich bin zu Hause. Im Fernseher läuft das Neujahrskonzert. Ohne Ton. An der Wand hat sich jemand Notizen gemacht. Überall im Zimmer liegt Geschenkpapier. Neben mir liegt eine Frau. Ich kenne sie. Sie heißt Ina. Ich frage mich bloß, was sie da macht. Immerhin hebt und senkt sich ihr Brustkorb.
    Ich versuche mich an den Sex zu erinnern. In meinem Gehirn, oder was ich dafür halte, finde ich keine Bilder davon. Vielleicht besser so.
    Ich erlaube mir eine kurze Zimmerinspektion. Dem Zustand meiner Kleidung nach hatte ich eine verlustreiche Auseinandersetzung mit einem Autobus. Die Konföderiertenflagge in der Vase mit der undefinierbaren Flüssigkeit verbreitet eine gewisse Revolutionsstimmung, die mir unlieb ist. Aus den Notizen an der Wand werde ich erst recht nicht schlau, es geht um irgendeinen Bären und einen Peter. Die Schrift erinnert mich an meine.
    Mir ist dieses Jahr schon jetzt nicht ganz geheuer.
    Als ich meinen Körper nach Anzeichen von Gewalt absuchen will, läutet es an der Tür. Eine Sekunde Pause, dann wird wieder geläutet. Und das dritte Läuten hört gar nicht mehr auf. Es hört einfach nicht mehr auf. Es läutet. Es läutet. Es läutet. Es läutet. Es läutet. Es läutet.

    (Leseprobe aus dem Roman „Der Jonas-Komplex“ - © S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main)

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    Eine Auswahl


    Karl Haffners Liebe zum Unentschieden
    Roman, Berlin: Verlag Volk und Welt 1998

     

    Herr Susi
    Roman, Berlin: Verlag Volk und Welt 2000

     

    Der Kameramörder
    Roman, Berlin: Verlag Volk und Welt 2001

     

    Die Arbeit der Nacht
    Roman, München: Carl Hanser Verlag 2006

     

    Das bin doch ich
    Roman, München: Carl Hanser Verlag 2007

     

    Das Leben der Wünsche
    Roman, München: Carl Hanser Verlag 2009

     

    Lisa
    Roman, München: Carl Hanser Verlag 2011

     

    Das größere Wunder
    Roman, München: Carl Hanser Verlag 2013

     

    Meine Schreibmaschine und ich
    Poetikvorlesung, München: Carl Hanser Verlag 2014 (=Edition Akzente)

     

    Der Jonas-Komplex
    Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2016

  • Auszeichnungen

    Eine Auswahl

     

    2001

    Projektstipendium des Österreichischen Bundeskanzleramts


    2002

    Österreichisches Staatsstipendium für Literatur

    Friedrich-Glauser-Preis


    2007

    Finalist beim Deutschen Buchpreis (Shortlist)

    Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar


    2009

    Longlist-Nominierung zum Deutschen Buchpreis


    2010

    Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft

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