Ursula Ackrill

Geboren 1974 in Kronstadt in Siebenbürgen. Ursula Ackrill studierte Germanistik und Theologie in Bukarest und promovierte 2003 mit einer Arbeit über Christa Wolf an der University of Leicester. 2005 erwarb sie einen Master in Informationsmanagement und lebt heute als Bibliothekarin und Schriftstellerin in Nottingham. Ihr Debütroman „Zeiden, im Januar“ spielt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in einer Kleinstadt in Siebenbürgen. Er erzählt davon, wie Menschen sich schuldig machen - aus Opportunismus und Feigheit. Der Roman wurde für den Leipziger Buchpreis 2015 nominiert.

Blick ins Werk

„Es ist noch zu früh, um etwas Sehenswertes am Bahnhof in Kronstadt zu erspähen. Der Zug von Bukarest nach Zeiden, wo Maria später aussteigen wird, hält hier lange. Das Mädchen befreit fröstelnd eine Hand aus ihrem Schultertuch und wischt einen blanken Kreis auf die Fensterscheibe. Hinter geschlossenen Rollläden geht ein Licht an im Café am Bahnsteig. Leontine sagt, sie selbst habe einmal Caragiale, den Dramatiker der Rumänen, dort gesehen, wie er in der Sonne saß bei einem Kapuziner. Er habe sie angeblinzelt, oder das Licht war ihm zu grell, sie jedenfalls ging wie auf Engelschwingen vorbei, als wäre sie schwerelos in seiner Nähe. Damals muss Leontine noch in Kronstadt gelebt haben, eine junge Frau im langen engen Rock und wadenlangem Rockmantel, ohne Kragen, wie eine Chinesin, blass auch, durchsichtiges dünnes Gesicht wie Pergament vorm Licht. (…) Auf Leontines Hof gedeihen Blumen, die die Leute in Zeiden nicht kennen. Sie bestellt sie aus Wien und Berlin und pflanzt sie selbst ein, mit wenigen raschen Bewegungen, als hätte sie Eile. So rührt sie auch ihre Kochtöpfe. Zigarette im Mundwinkel, rechte Hüfte gereckt, darauf stützen sich der Ellbogen und darüber die Zeitung im Gleichgewicht.“

(Leseprobe aus dem Debütroman „Zeiden, im Januar“ - © Verlag Klaus Wagenbach, Berlin)

Bücher

Zeiden, im Januar

Roman, Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2015

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Fotograf: Uwe Frauendorf (Leipzig)

  • Ursula Ackrill

    Geboren 1974 in Kronstadt in Siebenbürgen. Ursula Ackrill studierte Germanistik und Theologie in Bukarest und promovierte 2003 mit einer Arbeit über Christa Wolf an der University of Leicester. 2005 erwarb sie einen Master in Informationsmanagement und lebt heute als Bibliothekarin und Schriftstellerin in Nottingham. Ihr Debütroman „Zeiden, im Januar“ spielt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in einer Kleinstadt in Siebenbürgen. Er erzählt davon, wie Menschen sich schuldig machen - aus Opportunismus und Feigheit. Der Roman wurde für den Leipziger Buchpreis 2015 nominiert.

  • Blick ins Werk

    „Es ist noch zu früh, um etwas Sehenswertes am Bahnhof in Kronstadt zu erspähen. Der Zug von Bukarest nach Zeiden, wo Maria später aussteigen wird, hält hier lange. Das Mädchen befreit fröstelnd eine Hand aus ihrem Schultertuch und wischt einen blanken Kreis auf die Fensterscheibe. Hinter geschlossenen Rollläden geht ein Licht an im Café am Bahnsteig. Leontine sagt, sie selbst habe einmal Caragiale, den Dramatiker der Rumänen, dort gesehen, wie er in der Sonne saß bei einem Kapuziner. Er habe sie angeblinzelt, oder das Licht war ihm zu grell, sie jedenfalls ging wie auf Engelschwingen vorbei, als wäre sie schwerelos in seiner Nähe. Damals muss Leontine noch in Kronstadt gelebt haben, eine junge Frau im langen engen Rock und wadenlangem Rockmantel, ohne Kragen, wie eine Chinesin, blass auch, durchsichtiges dünnes Gesicht wie Pergament vorm Licht. (…) Auf Leontines Hof gedeihen Blumen, die die Leute in Zeiden nicht kennen. Sie bestellt sie aus Wien und Berlin und pflanzt sie selbst ein, mit wenigen raschen Bewegungen, als hätte sie Eile. So rührt sie auch ihre Kochtöpfe. Zigarette im Mundwinkel, rechte Hüfte gereckt, darauf stützen sich der Ellbogen und darüber die Zeitung im Gleichgewicht.“

    (Leseprobe aus dem Debütroman „Zeiden, im Januar“ - © Verlag Klaus Wagenbach, Berlin)

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    Zeiden, im Januar

    Roman, Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2015